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INterkultur Nr. 10/2006

Das Freie Radio und seine interkulturellen Sendungen
Von Tilman Rau

Das Freie Radio für Stuttgart, das in diesem Jahr sein 10-jähriges Sendejubiläum feiert, versteht sich als eine Plattform für viele Meinungen, Interessen und Geschmäcker - ein wichtiger Bestandteil sind dabei die interkulturellen Sendungen und Redaktionen.

Der Sendeplan des Freien Radios Stuttgart gleicht einem Flickenteppich: Sendungsnamen, die in einer Tabelle aus Uhrzeiten und Wochentagen aufgelistet und auf den ersten Blick nicht gerade leicht zu durchschauen sind. Aber so sieht es eben aus, wenn Vielfalt das oberste Prinzip des Radiomachens ist. Zwischen 50 und 60 Redaktionen mit den verschiedensten Inhalten und Schwerpunkten gibt es beim Freien Radio. Insgesamt rund 200 Aktive arbeiten in diesen Redaktionen -ehrenamtlich.

Jörg Munder ist einer dieser Radiomacher. Von Beginn an war er dabei und gehört dem Vorstand sowie der Kulturredaktion an. ,,Wir bieten viel Raum für Nischeninteressen, für echten Pluralismus, für Minderheiten und andere Sprachen", erzählt Munder. "Damit sind wir vor zehn Jahren angetreten und haben das Prinzip seitdem weitergeführt und ausgebaut. Die anderen Sender dagegen, die kommerziellen ebenso wie die öffentlich-rechtlichen, haben nach und nach alles, was nicht massenkompatibel ist, aus dem Programm genommen."

Beim Freien Radio waren interkulturelle (und damit auch fremdsprachige) Redaktionen von Beginn an ein wichtiger und wesentlicher Bestandteil. Und sie sind es noch immer. Derzeit hat das Freie Radio fünfzehn Redaktionen, die sich unter dem Überbegriff "lnterkultur" bündeln lassen.

Die einzelnen Sendungen sind in ihrer Ausrichtung und in ihren Inhalten höchst unterschiedlich. Auch das gehört zum Freien Radio. Die Redaktionen verwalten sich selbst, grundsätzliche Fragen - etwa ob eine Sendung aufgenommen oder abgesetzt wird -trifft das Plenum aus allen Radiomachern. Ein durch und durch basisdemokratisches System also.

Ganz grob lassen sich die interkulturellen Sendungen in drei Gruppen einteilen. "Zunächst einmal sind da die reinen Musiksendungen", erläutert Munder. "Dazu gehören Portal Brasil und Black vibes'n'tunes.

Die zweite Gruppe von Sendungen könnte man als "Community Radio" bezeichnen. Ghana Voice ist so ein Beispiel. Sämtliche Wortbeiträge und Hörergespräche finden in der Landessprache statt. Wer die nicht versteht, hat nichts davon. Dafür kann man davon ausgehen, dass die gesamte ghanaische Gemeinde in der Region Stuttgart zur Sendezeit vor dem Radio sitzt."

Schließlich gibt es noch eine dritte Gruppe von Sendungen. Es sind diejenigen, die zwar einen bestimmten - kulturellen, politischen, musikalischen und sozialen - Landesfokus haben, sich aber an ein breites Publikum richten, sprich: Landsleute genauso wie alle übrigen Menschen, die in Stuttgart leben.

Wie etwa die Sendung Russisches Kulturroulette, die es seit fast vier Jahren gibt. Einmal im Monat sendet die Redaktion Berichte, Musik, Interviews - mit wechselnden Themen und Schwerpunkten, je nach Aktualität oder Interesse der Redaktion. "Wir richten uns natürlich nach den Veranstaltungen aus, die in der Region Stuttgart stattfinden", so die Sendungsmacherin Elena Maslovskaya. "Wenn gerade das Russische Filmfestival läuft, ist das ein Thema für uns, wie auch wenn eine russische Theatergruppe oder Band in der Stadt ist." Gesendet wird in der Regel auf Deutsch, abgesehen von Interviews. Maslovskaya ist überzeugt, dass die Sendung in erster Linie von Deutschen gehört wird: "Die Leute hören die Sendung, weil sie sich für Russland, seine Kultur und vielleicht auch die Sprache interessieren und etwas darüber erfahren wollen. Aber vor allem ist es mir wichtiger, gegen die vorhandenen Klischees zu kämpfen als nur Communityradio zu sein. Trotzdem stehe ich natürlich in Kontakt zu vielen Russen und lasse mich gerne inspirieren und mit Tipps versorgen, die ich in die Sendung einbauen kann. Aber man kann es nicht allen recht machen."

Diese Erfahrung hat auch David Adu Boahene gemacht. Er versucht mit Radio Africa gleich einen ganzen Kontinent unter einen Hut zu bekommen. Und ist immer wieder zu einem Spagat gezwungen. Nicht nur sprachlich - immerhin wird in der Sendung englisch, französisch, deutsch und afrikanisch gesprochen: "Wir wollen einerseits die Afrikaner aller Nationalitäten mit interessanten und wichtigen Nachrichten aus ihrer Heimat versorgen, aber auch mit Kultur und Musik", erklärt Boahene. "Unser Ziel ist es sozusagen, das Sprachrohr aller zu sein. Aus diesem Grund unterhalten wir ein weit verzweigtes Netzwerk aus zahlreichen Institutionen und Personen." Andererseits gehören zur Zielgruppe auch die deutschen Hörer. "Wir wollen eine Brücke schlagen, zwischen der afrikanischen Kultur und der deutschen, aber auch innerhalb der afrikanischen Nationalitäten." Seit acht Jahren, seit es die Redaktion gibt, arbeitet Moderator und Redakteur Boahene an der Verwirklichung dieses Ziels. Und hat dabei, wie er findet, bereits einige Fortschritte gemacht: ,,Immerhin ist es mir gelungen, Menschen aus verschiedenen Regionen an einen Tisch zu bekommen."

Auch die Rumänische Redaktion, die Ende September ihr einjähriges Sendejubiläum gefeiert hat, möchte eine möglichst breite Hörerschaft erreichen und hat zu diesem Zweck die einstündige Sendung in Blöcke unterteilt. "Die erste Viertelstunde gehört unserem sogenannten Infoblock", sagt Redaktionsmitglied Florian Zaheu. "Darin informieren wir über ganz verschiedene Themen aus Bereichen wie Kultur und Politik. Und zwar auf Deutsch, damit das nicht nur unter uns Rumänen bleibt." Die restliche Sendezeit ist dann eine Mischung aus Musik und rumänisch-sprachigem Community-Radio. Um Leben in die Sendung zu bekommen, inhaltlich wie stimmlich, hat die Redaktion einen sogenannten "Jour Fixe" eingerichtet: jeden Dienstagabend können Interessierte im Studio vorbeischauen und ihre Themen und Beiträge aufzeichnen lassen - die werden dann in der Sendestunde Mittwochs ausgestrahlt. "Damit haben wir positive Erfahrungen gemacht, denn diese Möglichkeit wird von den hier lebenden Rumänen wahrgenommen", erzählt Florian Zaheu. "Einmal waren plötzlich 25 Menschen im Studio, um über ihre Erfahrungen mit einer Fluggesellschaft zu sprechen, die nach ihrer Pleite bereits gekaufte Flugtickets nach Bukarest nicht rückerstattet hat. Aber das war ein Ausnahmefall, normalerweise geht es etwas ruhiger zu."

Die noch junge rumänische Sendung ist sicherlich ein gutes Beispiel für die Bemühungen, einen interkulturellen Dialog zu führen. Doch nicht immer sind die Umstände so unkompliziert wie in diesem Fall. Diese Erfahrung hat Jörg Munder beim Freien Radio bereits mehrfach gemacht: "Natürlich wünschen auch wir uns den idealen Fall, dass mit den Sendungen Brücken geschlagen werden können zwischen den Kulturen, zwischen den Menschen unterschiedlicher Herkunft. Aber oftmals fährt da die Realität dazwischen. Und die sieht so aus, dass viele auch in ihren Heimatländern scheinbar unüberbrückbare Differenzen haben." Das führt mitunter zu Kuriositäten. So gibt es beim Freien Radio zwei eritreische Redaktionen, die in politischen Fragen so konträre Ansichten haben, dass sie zwei unterschiedliche Sendungen machen. Es ärgert Munder, dass die Plattform Radio auf diese Weise genutzt wird, nationale Konflikte auszutragen. Aber das ist eben nur ein Aspekt. Viel wichtiger findet er, dass das Freie Radio den verschiedenen Gruppen einen öffentlichen Raum bietet: "Dadurch sind wir, auf Sendung aber auch im Plenum, so etwas wie ein Migrantendorf. Und das genieße ich, bei allen Problemen, die es zwischendurch geben mag." Und er schließt gleich noch einen Wunsch an: "Wir haben in den letzten zehn Jahren viel erreicht und dieses Jahr die Grenze von 500 Mitgliedern überschritten. Und ich hoffe, dass wir an diesem Punkt nicht stehen bleiben, sondern uns noch weiter entwickeln."