Pressespiegel: Gerangel um Radiosender ohne Reklame dauert an

Stuttgarter Zeitung, 24.1.1996

Noch keine Lizenz
Gerangel um Radiosender ohne Reklame dauert an

Medienrat gegen Hithouse Radio und Pfingstler-Gemeinde

Das Gerangel um die lokale Radiofrequenz 97,2 dauert an. Vorerst bleibt offen, wer auf dem Kanal senden darf, der für ein werbefreies Programm reserviert ist. Eine Entscheidung fällt frühestens Mitte Februar.

Das reklamefreie Radio sorgt für Querelen in der Landesanstalt für Kommunikation (LfK). Diese Behörde ist für die Vergabe der Rundfunklizenzen zuständig. Wie berichtet, wollte der LfK-Vorstand die begehrte Frequenz splitten: vier Programmanbieter sollten zu Wort kommen. Dagegen erhob sich Protest. Der LfK-Medienrat hat den Vorschlag des Vorstandes am Montag abend verworfen. Dem Vernehmen nach stimmten 15 Mitglieder, darunter Kirchenvertreter, gegen das Splittingmodell, acht Medienräte waren dafür. Das Gremium hat sich auf ein alternatives Modell verständigt.

Demnach soll der werbefreie Kanal im wesentlichen für die Initiative Freies Radio Stuttgart (FRS) reserviert bleiben. Der Verein müßte allerdings dem griechischen Unternehmer Georgios Baboulis, früher am Stadtradio beteiligt, ein Programmfenster von zwei Stunden wöchentlich einrämen. Die Biblische Glaubensgemeinde, eine Freikirche aus der Pfingstbewegung, und das frühere Hithouse Radio sollen nach Auffassung der Medienrat-Mehrheit auf diesem Kanal nicht zum Zuge kommen.

Der LfK-Vorstand wird sich in seiner nächsten Sitzung am 12. Februar mit dem Vorschlag des Medienrats befassen. Im Vorstand sitzen neben dem LfK-Direktor Eugen Volz vier ehrenamtliche Mitglieder, die vom Landtag mit Zweidrittel-Mehrheit bestimmt wurden. Falls der Vorstand das Modell des Medienrates absegnet, könnten die alternativen Radiomacher schon Ende Februar auf Sendung gehen. In jedem Fall wird die Lizenz erst vergeben, wenn zwischen Vorstand und Medienrat Übereinkunft herrscht.

Der Verein Freies Radio Stuttgart hat nach eigenen Angaben zur Zeit 90 Mitglieder, darunter islamische Gruppen und Kurden. Er wird vom Jugendhausverein und vom Stadtjugendring unterstützt. Nach dem Sendestart erhoffen sich die Radiomacher einen regen Zulauf. Bis 1997 werden 2500 Mitglieder angestrebt.

Das Radioprogramm ohne Reklame wird von einem Sender auf dem Postkomplex in der Lautenschlagerstraße ausgestrahlt. Die Sendeleistung beträgt 100 Watt. Eine Testsendung im Sommer hat laut FRS ergeben, daß die Frequenz 97,2 im Stadtzentrum zu empfangen ist, außerdem in Teilen von Cannstatt und dem Stuttgarter Westen, auch in Heumaden und Sillenbuch, nicht jedoch in den Neckarvororten und in den übrigen Filder-Stadtteilen.

Nachgefragt: Freies Radio
"Alle können zu Wort kommen"

Radio ohne Reklame: Noch steht nicht fest, wer auf dem werbefreien Kanal senden darf. Die meiste Sendezeit soll der Verein Freies Radio Stuttgart erhalten. Vorstandsmitglied Joachim Stein sagt, was die Radiohörer zu erwarten haben. Der 37jährige Verwaltungswirt arbeitet im Büro des Stadtjugendrings.

Frage: Was wird das Freie Radio seinen Hörern bieten?
Joachim Stein: Es geht uns nicht nur darum, den Hörern etwas zu bieten. Sondern vor allem darum, daß unsere Mitglieder selbst Radio machen können. Darauf würde ich sogar noch mehr Wert legen. Unser Programm soll Pluralität bieten. Möglichst alle Leute, die denken, sie könnten über diesen Radiosender bestimmte Nachrichten verbreiten, auf etwas Interessantes hinweisen oder einen Mangel darstellen, sollen das bei uns tun können. Es wird also ein sehr buntes Programm zustandekommen. Dabei werden Leute und Gruppen zu Wort kommen, die man im gewöhnlichen Rundfunk kaum hört: Selbsthilfegruppen, Naturschützer, Schwule.

Das hört sich an nach einem sprechenden schwarzen Brett...
Unser Anliegen ist es, daß trotz allem ein Programmkonzept erkennbar wird. Mit anderen Worten: es wird Sparten geben, wir sind dabei, Redaktionen zu gründen. Unser Konzept ist es gerade nicht, einen offenen Kanal zu bieten.

Wird Ihr Sender ein zweites Radio Dreyeckland?
Sicherlich nicht. Die haben eine ganz spezielle Geschichte. Wir haben diese Geschichte nicht, wir derden deshalb andere Akzente setzen - Klammer auf: müssen. Unser Zielpublikum hier in Stuttgart ist anders als in Freiburg. Doch wir sind mit Radio Dreyeckland natürlich in ständigem Kontakt.

Wer bastelt das Programm? Sind da nur Hobbyfunker am Werk?
Wir orientieren uns am professionellen Radio. Wobei das technische Level unserer Sendungen etwas niedriger sein muß. Denn das Geld wird uns nicht hinterhergeworfen. Und eine halbwegs ordentliche Studioeinrichtung ist ausgesprochen kostspielig. Aber wir werden alle Leute schulen, die bei uns längerfristig mitmachen möchten. Alle haben die Möglichkeit, an den Geräten zu lernen, sprechen zu üben, ihre Inhalte präzise zu formulieren. Wir haben Leute dabei, die das Handwerk verstehen. Und wir können auf Hilfe von anderen Sendern zurückgreifen, unter anderem auch von Radio Dreyeckland.

Wer finanziert das Programm? Mit welchen Kosten rechnen Sie?
Das ist eine relativ große Unbekannte. Fakt ist, daß der Hauptanteil aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Zuschüssen kommen muß. Wir hoffen auch auf Mittel aus dem Kabelgroschen. Das ist im Moment aber noch etwas in der Schwebe. Ein großer Streitpunkt sind die Telekom-Gebühren. Die werden uns nicht zum Nulltarif Sendungen ausstrahlen, dafür wollen die Geld. Und das sind ganz erhebliche Beträge.

(Die Fragen stellte Armin Käfer.)