Pressespiegel: Stottern auf Ultrakurzwelle

Stuttgarter Zeitung vom 16. April 2007

Bei Moses wird es vermutet, bei König George VI., bei Churchill, Kafka und der Monroe ist es belegt: Sie waren Stotterer. Auch Simon Kienzle, Hans-Dieter Hannes und Mark Lawrence stottern - im freien Radio Stuttgart
Von Robin Szuttor

Einen hat die Runde immer parat: "Fährt ein Stotterer mit seinem Pferdewagen durch ein Dorf und schreit: Ei...Ei...Eierkohlen, Ei...Ei...Eierkohlen. Kommt ein Mann und sagt: Warum schreien Sie immer Eierkohlen? Sie haben doch Briketts auf dem Wagen. Sagt der Stotterer: Wenn ich Brr...Brr...Briketts schreie, bleibt mein Pferd immer stehen."

Hans-Dieter Hannes und seine Kollegen vom Stotterfunk können darüber lachen. "Weil es um Wortwitz geht, und nicht darum, uns als dumm hinzustellen." Die drei sitzen auf einem alten Sofa beim freien Radio in der Rieckestraße. Es riecht nach kaltem Rauch. Die Punkmusik aus dem Radio kommt vom Studio nebenan, wo gerade eine Sendung über Erdbeeranbau in Spanien, deutsche Atompolitik und gefährliche Medikamente läuft, unterbrochen von den Sex Pistols. Gleich sind die Stotterfunker dran. Es wird ein offener Abend, ohne festes Thema. "Wie gehen wir in die Diskussion rein?" "Ich kann die Begrüßung machen."

Vor elf Jahren strahlte das freie Radio erstmals aus einem feuchten Raum in der Falbenhennenstraße in den Stuttgarter Talkessel. Heute erreicht es nach Angaben der Macher Stuttgarts Gettos und Edelprovinzen, wetterabhängig komme man bis Leonberg, Leinfelden und Backnang. Über Internet ist das freie Radio von Alaska bis Australien zu empfangen. 73 Sendungen gibt es inzwischen, vom Arbeitsweltradio bis zur alevitischen Redaktion oder den atonalen Strategien. Das freie Radio soll Raum bieten für Experimente und unkonventionelle Ideen. Die Lieder sucht kein Hitparadencomputer aus.

Die Musik suchen die Männer vom Stotterfunk selbst aus. Die CDs, die sie mitgebracht haben, würden für gut fünf Sendungen reichen. Mark Lawrence will auf jeden Fall Jackie Mittoo, einen Skasänger aus Jamaika, auflegen und vielleicht einen Filmmusikklassiker aus dem Sampler "German Reeperbahnmovies". Simon Kienzle hat Pur und Bon Jovi mitgebracht. "Oh no, bitte das nicht" - Mark Lawrence verzieht sein Gesicht, als hätte er furchtbare Bauchschmerzen.
Der junge Mann, der gerade mit der deutschen Atompolitik fertig geworden ist, hat das Sendestudio binnen einer Stunde in eine Knoblauchkammer verwandelt. Er sammelt seine CDs zusammen und überlässt Mark Lawrence den Chefstuhl an den Mischpulten, den Verstärkern, den Plattenspielern, dem alten, grünen Tastentelefon. Die riesigen grellorangefarbenen Flokatis an den Wänden, die dicken Schaumstoffsäulen in den Ecken dienen als Schallschlucker.
Hans-Dieter Hannes reißt das Fenster auf und setzt sich zu Simon Kienzle an den Tisch. Das Studiomikrofon hängt über ihnen wie ein Duschkopf. Ein Zettel klebt am Fensterrahmen: "Bitte keine Kippen rauswerfen, sonst gibt es wieder Ärger mit dem Hausmeister." Punkt 19 Uhr geht Mark Lawrence live auf Sendung und fährt die Erkennungsmelodie ab. Es ist ein Lied von Scatman John, auch ein Stotterer. Die Stimme vom Band sagt: "Guten Abend, hier ist der Sto...Sto...Stotterfunk im freien Radio für Stuttgart auf 99,2 Megahertz über Antenne, 102,1 Megahertz über Kabel und via Livestream weltweit im Internet."

Angefangen hat es vor neun Jahren. Das Magazin für Selbsthilfegruppen beim freien Radio hatte noch einen Sendeplatz frei. Der Freundeskreis stotternder Menschen Stuttgart füllte die Lücke gern. Inzwischen haben sie ihre eigene Sendung, jeden fünften Donnerstag im Monat, umgerechnet viermal im Jahr, in Schaltjahren fünf. Zu Gast sind meistens Menschen aus der Stotterszene. Man unterhält sich über Therapieeinrichtungen und Logopädie, Selbsthilfegruppen stellen ihre Programme vor. Ein Künstler, der stottert, war schon da, ein Lehrer, in der nächsten Sendung kommt ein Beamter aus Bonn.

"Anfangs habe ich mich immer perfekt vorbereitet", sagt Simon Kienzle. Wörter, die ihm beim Sprechen Schwierigkeiten machen, strich er gleich aus dem Konzept. Sogar die Pausen wurden auf dem Manuskript vermerkt. Eine Anti-Stotter-Partitur sozusagen. "Das wirkte aber alles sehr statisch." Heute ist er lockerer. Ein paar hingekritzelte Stichworte vor der Sendung genügen. Alles andere kommt spontan - oder eben nicht.

Man muss schon genau darauf achten, um zu bemerken, dass Mark Lawrence Stotterer ist. Vor seiner Therapie war es viel ausgeprägter. Bei den anderen beiden ist das Stottern deutlicher zu hören. Hans-Dieter Hannes trägt an diesem Abend einen Aufsatz über einen Schriftsteller vor. Manchmal geht es mitten im Satz nicht mehr weiter. Er sitzt dann da mit offenem Mund und angespanntem Kehlkopf, sein Unterkiefer zittert leicht. Das Wort kommt nicht. Eine Sekunde vergeht, zwei Sekunden, drei, vier, fünf. Durch das offene Fenster hört man das Quietschen der Stadtbahn an der Haltestelle Stöckach. Die Zeit scheint stillzustehen. Als hätte man beim DVD-Rekorder die Pausetaste gedrückt. Schließlich kommt das Wort: "K...K...Kalender." Die beiden Kollegen nicken ihm stumm zu. Er nickt zurück.

Früher sind die drei in ähnlichen Situationen nicht so gelassen geblieben. Vorstellungsrunden, sagen sie einhellig, waren der nackte Horror. "Es gab nur einen Ausweg: Bevor man an der Reihe war, auf Toilette gehen", sagt Simon Kienzle. Bei ihm fing das Stottern mit vier Jahren an. Zu Hause war er als Kind trotzdem der Alleinunterhalter. In der Schule wurde er immer gehemmter. Auch den anderen ging es so, nicht zuletzt wegen Lehrersprüchen wie: "Du funkst auf einer Frequenz, die ich nicht empfange." Die Klasse fand es lustig.

"Wie oft bin ich morgens zum Bäcker, weil ich mir drei Brezeln kaufen wollte. Herausgekommen bin ich schließlich mit fünf Tafelbrötchen", sagt Kienzle. Das f von fünf und das T von Tafelbrötchen waren einfacher auszusprechen. "Wenn der ganze Laden voll und die Verkäuferin schon sichtlich genervt ist, entscheidet man sich doch lieber für die reibungslosere Variante." Berufliche Nachteile durch sein Handicap hat Simon Kienzle nie erfahren. Er lernte Industriemechaniker, später Maschinenbautechniker. In seiner Vita hatte der 31-Jährige bisher ein Vorstellungsgespräch. Er war gleich erfolgreich, trotz Stotterns. Hans-Dieter Hannes ist Straßenbauingenieur geworden. Auch für ihn war das Stottern keine Hürde. Bevor Mark Lawrence Bibliothekar wurde, war er beim Militär. "Man hat mir die Beförderung verweigert, nur weil ich stotterte. Erst nach einer Beschwerde beim oberen Chef konnte ich mich schließlich durchsetzen."

"Und jetzt kommt ,Little Latin Loop Loop Lu" von Mitch Ryder and the Detroit Wheels." Der 41-jährige Lawrence am Mischpult macht die Ansagen, diskutiert mit, blendet nach den fünf- bis zehnminütigen Diskussionen zur Musik über. Zwischen den Liedern sprechen die drei an diesem Donnerstag Abend vor allem über Fragen, die häufig von Außenstehenden gestellt werden.
Wie verhält man sich im Gespräch mit Stotterern? "Ich möchte, dass man mir in die Augen schaut. Sonst weiß ich nicht, hört der mir überhaupt noch zu oder geniert er sich für mich." - "Wenn mir früher jemand das gestotterte Wort vorweg nahm, hab" ich mich entmündigt gefühlt." - "Ich war meistens froh, wenn mir einer geholfen hat, das Wort zu finden." - "Wenn jemand den Satz für mich beendet, werde ich schnell demütig."

Ist Stottern ansteckend? "Das ist natürlich Unsinn." - "Ein bisschen vielleicht. In der Selbsthilfegruppe stottere ich jedenfalls mehr als sonst." - "Wenn ich zum Beispiel mit jemandem rede, der schnell spricht, werde ich automatisch auch schneller."

"Und nun eine kleine Pause mit ,Melting Pot" von Booker T. and the MGs. Danach geht es weiter mit dem Stotterfunk im freien Radio."

Warum stottern Menschen? "Manche sagen, es ist erblich." - "Manche sagen, es liegt daran, dass Eltern bei Kleinkindern die Sprache zu sehr in den Mittelpunkt stellen, sie ständig ermahnen: sprich doch langsamer, sprich deutlicher." - "Ich stottere vor allem, wenn ich unter Druck stehe. Andere bekommen in solchen Fällen Kopfweh oder Bauchdrücken." - "Lieber stottern als Migräne."

Was tun gegen Stottern? "Es gibt bestimmt 250 Methoden." - "Die Sprechangst abbauen, indem man sich sagt: jetzt erst recht. Ich rede einfach, wie mir der Schnabel gewachsen ist." - "Bestimmte Techniken können helfen, etwa Pausen einbauen, wenn sich ein Stotterblock anbahnt" - "Bewusst noch mehr stottern und damit das Problem allmählich abschwächen" - "Wenige schaffen es auch ohne fremde Hilfe."

"Weiter geht"s mit ,Across 110th Street" von Bobby Womack. Sie hören den Stotterfunk für Stuttgart. Jeden fünften Donnerstag im Monat auf 99,2 Megahertz über Antenne und 102,1 Megahertz über Kabel."

Viele Fragen sind noch ungeklärt. Warum sind 80 Prozent der Stotterer männlich? Warum stottern Stotterer viel seltener, wenn sie mit Tieren oder Babys sprechen, wenn sie singen oder auf der Theaterbühne stehen?

Warum Stotterfunk? "Weil ich Kindern ein Vorbild sein will. Ich will ihnen zeigen: es ist nicht schlimm, man kann trotzdem ein gutes Leben führen." - "Früher war es das hehre politische Ziel, gegen Vorurteile anzukämpfen. Mittlerweile komme ich vor allem wegen der Geselligkeit." - "Ich möchte mein Lampenfieber abbauen und Hörgewohnheiten verändern." Wie viele zuhören, weiß keiner. Vielleicht tausende, vielleicht keiner. Quotendruck lastet nicht auf den Stotterfunkern.
Ein Blaulicht blinkt im Studio, das ist das optische Signal für die Klingel. Der junge Mann von der Sendung "Kronen Moven" steht an der Haustür. Die Ablösung. In der nächsten Stunde wird "Yen Cee" am Mikrofon des freien Radios sitzen und "durchs Irrenhaus der Musikhistorie" führen. Vielleicht spielt er ja ein Lied von Pur oder Bon Jovi.

Nächste Stotterfunksendung: Donnerstag, 31. Mai, 19 bis 21 Uhr. Zu empfangen unter 99,2 MHz terrestrisch, 102,1 MHz im Kabel oder im Internet unter http://www.freies-radio.de