Pressespiegel: Stottern erwünscht

Esslinger Zeitung vom 02. Juni 2007

Beim Freien Radio Stuttgart gehen stotternde Menschen vier bis fünf Mal im Jahr auf Sendung
Von Martina Fürstenberger

Stuttgart - "Und hier sind wir wieder. Jeden fünften Donnerstag im Monat auf der F... F... Frequenz 99.2 beim Freien Radio Stuttgart." Routiniert spricht Mark Lawrence die Sätze ins Mikro, schiebt einen Regler nach unten und drückt auf einen Knopf. Musik erklingt, und die fünf Radiomacher grinsen sich an. "Mit welchem Themenblock wollt ihr anfangen?" fragt Lawrence. Der 41-Jährige ist heute für den Ablauf und die Technik zuständig. Er sorgt für die Musik, bedient das Schaltpult und moderiert die Beiträge an. Simon Kienzle kümmert sich um den inhaltlichen Teil. "Ich werde erst einmal etwas zum Buko erzählen", sagt er. Der Bundeskongress der Stotterer-Selbsthilfe Deutschland wird im Oktober in Stuttgart stattfinden. "Stottern und Beruf" ist das Thema. Die Musik ist inzwischen aus, das Mikro wieder an. "Stotternde suchen sich häufig einen Beruf aus, in dem sie nicht viel oder nicht allzu lange reden müssen", liest Kienzle aus dem Faltblatt vor. "Dabei sind Stotternde genauso intelligent und leistungsfähig wie andere Menschen."

Kienzle weiß, wovon er spricht. Der 31-Jährige aus Leinfelden-Echterdingen ist Maschinenbautechniker bei einem mittelständischen Unternehmen. In wenigen Tagen wird er seinen Arbeitsplatz wechseln und eine Stelle übernehmen, in der er mehr Verantwortung trägt. "Vor vier Jahren hätte ich mich das nicht getraut", sagt er. Nicht weil ihm die fachliche Kompetenz gefehlt hätte. Sondern weil er Angst davor hatte, sich auf ein neues Arbeitsumfeld einzulassen: auf Kollegen und Vorgesetzte, die vielleicht nicht damit umgehen können, dass Simon Kienzle die Worte manchmal nur stockend über die Lippen kommen. "Heute bin ich selbstbewusst und stark genug", sagt er. Geholfen dabei hat ihm eine Therapie - und die Arbeit beim Radio. Vier bis fünf Mal im Jahr sitzt Kienzle im Studio des Freien Radios Stuttgart am Stöckach und macht mit anderen Mitgliedern der Stuttgarter Selbsthilfegruppe "Stotterfunk". Was bei Radiosendungen normalerweise vermieden werden soll - nämlich Versprecher und Pausen - ist hier erlaubt und sogar erwünscht. "Es darf gestottert werden." Schließlich ist es eine Sendung von und für stotternde Menschen. "Wir wollen informieren und aufklären", nennt Kienzle einen Grund für die Sendung. "Wir wollen aber auch Mut machen." Anderen und sich selber. "Beim Radio habe ich keine Person, die direkt vor mir steht. Das hilft mir, die Angst vor dem Sprechen abzubauen." Flüssig gehen ihm die Sätze von den Lippen - genauso wie den anderen im Raum. "Es hängt von der Tagesform ab, wie sehr man stottert", erklärt Kienzle. Leni ergänzt: "Fremde hören das Stottern oft gar nicht, aber wir selbst spüren es." Die meisten Stotterer sind Meister darin, ein Wort, das nicht über die Lippen geht, ganz schnell durch ein anderes zu ersetzen. Kienzle ersetzt die Wörter nur noch selten, seitdem er eine "Nicht-Vermeidungs-Therapie" nach Charles van Riper macht. "Wir freuen uns, dass wir als Schirmherr für den Bundeskongress Staatssekretär Dieter Hillebrand gewinnen k... k... konnten", sagt er ins Mikro.

Spontane Diskussionen

Früher hat er alle seine Beiträge vor der Sendung aufgesprochen und bearbeitet, heute spricht er live. "Ich kann damit umgehen, dass ich stottere. Und gerade in dieser Sendung darf man das ja hören." Dadurch sind auch spontane Beiträge möglich. Die 17-jährige Stefanie Rung, die heute zum ersten Mal dabei ist, bringt sich mit der Frage ein, ob sie beim Vorstellungsgespräch gleich sagen soll, dass sie stottert - oder ob sie es darauf ankommen lassen soll, dass es der Gesprächspartner sowieso bald merken wird. In der Runde wird eifrig diskutiert. "Erzähl dem Arbeitgeber doch einfach, dass du beim Stotterfunk mitmachst", schlägt Mark Lawrence vor. "Du zeigst damit, dass du offen mit dem Thema umgehst und dich engagierst." Stefanie ist dankbar für den Tipp - so wie vielleicht die Hörer der Sendung. Wie viele es sind, weiß keiner so genau. Aber das ist heute nebensächlich. Die zwei Stunden sind schnell vorbei. Im August darf weiter diskutiert werden. Wenn es wieder heißt: "Willkommen beim Sto... Sto... Stotterfunk Stuttgart."

Die nächste Sendung wird am 30. August, 19 bis 21 Uhr, auf 99.2 MHz über Antenne ausgestrahlt.

Kontakt zur Selbsthilfegruppe über Simon Kienzle, Telefon 0711/220 49 14.

Weitere Infos: www.stotterfunk.de