Pressespiegel: Wenn die alevitische Redaktion in deutsch und türkisch sendet

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Stuttgarter Wochenblatt, 6. Februar 2003

Freies Radio für Stuttgart bringt nicht-kommerzielle Beiträge aus aller Welt

Es ist 17.30 Uhr, auf der Frequenz 97,2 des Freien Radio für Stuttgart ertönen karibische Rhythmen und Salsa- Klänge. Gleich darauf wird die politische Situation in Venezuela in einer einstündigen Reportage erörtert. Dann plötzlich folgen knapp aufeinander Rock'n Roll , Hip Hop und Drum and Base. Eindeutig ein Programm, das zu exotisch und vielfältig ist, als dass es einfach im Hintergrund mitlaufen kann.

«Unsere Hörer schalten gezielt bei bestimmten Sendungen zu und hören diese auch regelmäßig», sagt Oliver Kempter vom Vorstand des Fördervereins Freies Radio für Stuttgart, der den Sender finanziert. Jede der 50 Redaktionen hat ihr eigenes unabhängiges Konzept, kann frei gestalten und ihre Musik auswählen. «Hierarchien gibt es bei uns nicht», so Irina Bohn, Organisatorin und Fortbilderin. «Bei uns wird stets fair und demokratisch entschieden». Und das vor allem im Plenum, wo jeden Monat alle Redaktionen Verbesserungsvorschläge zum bestehenden Programm anbringen oder kritisch Neulinge begutachten, die mit ihrer neu gegründeten Redaktion ihre persönliche Sendung starten wollen. Dass sich das Plenum sehr oft überzeugen lässt, merkt man an der Vielfalt des Programms.

Es ist 10.30 Uhr, bei der «eritreischen Redaktion» berichtet gerade eine Hörerin in ihrer Muttersprache über die Eigenheiten ihres Landes, über Migrationsprobleme in Deutschland und ihre Zukunftsträume. Auch die alevitische Redaktion sendet in deutscher und türkischer Sprache und informiert über die kulturelle Identität, Religion und Philosophie des Alevismus.

«Wir sehen uns als Schaltstelle und Forum verschiedenster gesellschaftlicher Gruppen, die woanders nicht zu Wort kommen», sagt Oliver Herrmann, der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. «Wir haben alles, nur keinen Mainstream,es ist nämlich nicht unser Anspruch die Masse zu erreichen», so Herrmann. Der Ehrlichkeit halber muss man sagen, dass das aufgrund der schwachen Frequenz auch nicht möglich ist.

Doch der Aufstieg des Freien Radios scheint ungebremst. Im Juni 2001 ist der Sender sprichwörtlich aus dem Kellergewölbe in der Falbenhennenstraße emporgestiegen und in ein stattliches Studio in der Rieckestraße umgezogen. Provisorisch ist nur noch der grob zusammengehauene Tisch in einem der drei Studios, ansonsten verbreitet moderne Technik das Freie Radio im Stuttgarter Kessel. Frei ist das Radio in vielerlei Hinsicht. Frei von jeglichen Vorgaben der Medienbranche und vor allem frei von Kommerz. «Wenn wir werben, dann für uns selbst und den Förderverein», so Oliver Herrmann. Ums Geld geht es den ausschließlich ehrenamtlichen Mitarbeitern nicht, sondern um das Ideal «Radio zu machen, wie es früher einmal war».

«Die Grenzen zwischen Hörer und Macher sollen verschwimmen», so Herrmann. Workshops und Seminare machen es möglich und bringen viele Laien dazu, sich im Radio zu präsentieren. So viel Hingabe wird irgendwann belohnt: Ab Mai soll die neue Frequenz 99,2 bis zu eine Million Hörer erreichen. «Wir verwerten alles, was woanders keinen Platz findet», sagt Oliver Kempter schmunzelnd. «Dass unsere Sendeantenne auf dem Dach einer Recycle-Anlage steht, ist wirklich purer Zufall».

Informationen zum Verein Freies Radio für Stuttgart und zum Gesamtprogramm sind unter www.freies-radio.de abrufbar oder unter Telefon 640 04 42 zu erfragen.
esw 05.02.2003