Presseschau: Letzte Bastion für Folk und Weltmusik

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Freie Radios - Vielfalt durch Engagement
Von Wolfgang Schramm

Folkmagazin Folker! Juli/August 2008

Wer sich bei den öffentlich-rechtlichen Sendern auf die Suche nach Folk- und Weltmusiksendungen macht, trifft anstatt dessen immer öfter auf austauschbare Formate mit den größten Hits aller Zeiten. Immer mehr Sendeanstalten stellen ihr Programm auf Formatradio um und streichen ihre Nischensendungen. Zuletzt traf es den „Weltempfänger“ auf Bayern 2. Einsparungsdruck und das Schielen auf die Erhöhung der Einschaltquoten bedingen solche Programmstrukturreformen. Deshalb wird sich der Folk- und Weltmusikfreund in Zukunft immer mehr auf seine CDs und das Herunterladen von Musik beschränken müssen – und auf die Freien Radios. Sie sind auf dem Weg, bald die letzten gallischen Dörfer im Radiodschungel der Beliebigkeit zu werden.

Das erste Freie Radio entstand 1977 im Widerstand unter anderem gegen den damals geplanten Bau des Atomkraftwerks Wyhl im Kaiserstuhl. Zu diesem Zeipunkt ging Wolfgang Schramm vom Freien Radio für Stuttgart erstmals im Elsass das freie Radio Radio Verte Fessenheim auf Sendung – Vorbild war Radio Verte in Paris. Von Bremen aus – wo er zwischen 1977 und 1979 wohnte – machte der Liedermacher Walter Moßmann Reklame für den Sender mit seinem „Liebeslied auf 101 Megahertz“. Aus Radio „Grün“ wurde später Radio Dreyeckland, das mit verschiedenen Redaktionen von realtiv hohen Bergen (1.000 m) aus den Vogesen, aus dem Schwarzwald und außerdem von der Höhe des Kaiserstuhl dreisprachig (französisch, deutsch, alemannisch) sendete. Anfang der Achtzigerjahre zerfiel Radio Dreyeckland in seine Bestandteile. Die Freiburger Redaktion wurde zu einem legalisierten Freiburger Szenesender. Bis heute verstehen sich die Freien Radios in dieser Kultur des politischen Widerstandes.

Zurzeit gibt es im deutschsprachigen Raum insgesamt 41 verschiedene Freie Radios. Entstanden sind die meisten aus Bürgerinitiativen und dem Interesse vieler Menschen aus der alternativen Szene, ein Medium der Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Freie Radios sind Projekte mit einer klaren Struktur und zumeist basisdemokratisch, selbstverwaltet, unabhängig und werbefrei organisiert. In so genannten Radioplenen wird alles geregelt und diskutiert, was für das Radio und den Sendebetrieb wichtig ist. Bis auf wenige hauptamtliche Kolleginnen und Kollegen, meist Techniker und Organisatoren, sind alle „Radia/Radio“ – so nennen sie sich selbst – ehrenamtliche Kräfte. Finanziell getragen werden die Freien Radios durch Rundfunkgebühren und in den meisten Fällen durch einen Trägerverein. Da die terristischen Sendeleistungen der meisten Freien Radios oft regional sehr begrenzt sind, nutzen viele die technischen Möglichkeiten, auch über Livestream zu senden.