Pressespiegel: Die engagierte Welle

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Trottwar Ausgabe November 2006

Frequenz 99,2 heißt: Werbefreie und experimentierfreudige Sendungen, die das Freie Radio (FRS) Stuttgart ausstrahlt. 15 Leute waren es am Anfang, heute sind es fast 250 Mitarbeiter. Sie alle arbeiten ehrenamtlich - und das seit zehn Jahren.
Von Susanne Haag

"Du läufst niemals allein", "Kaktusfunk", "Grüße aus dem Freizeitpark", mit orginellen Sendungsnamen ködert das Freie Radio Stuttgart seine Hörer. Auch Ausländer kommen nicht zu kurz: "Radio Eritrea" wird in der Muttersprache moderiert, die Sendung "Rumänische Redaktion" zweisprachig ausgestrahlt. Eine wichtige Rolle spielt die Musik: HipHop, Rap, Gothic und Experimentelles. "Harakiri" oder "Multichill 2000" heißen die Musiksendungen, in denen sich auch mal Stuttgarter DJs austoben dürfen.

Doch das Freie Radio will nicht nur unterhalten. Schließlich bekam der private Sender 1996 eine eigene Frequenz, um mehr Meinungsvielfalt zu gewährleisten. Für den Sender heißt das, Themen aufzugreifen, die sonst zu kurz kommen. Menschen ans Mikro zu lassen, die kein Sprachrohr haben. Laut Satzung will der Sender "faschistische Tendenzen und deren Verharmlosung aufzeigen und sich ihnen entgegenstellen".

Wie antifaschistischer Rundfunk funktioniert, demonstriert Manuel Schäfer für das "Arbeitsweltradio" der DGB-Jugend. Er führt ein Telefoninterview mit einem Gewerkschaftsmitglied zur Kundgebung der IG-Metall gegen den NPD-Aufmarsch in Göppingen. Es fallen deutliche Worte wie "Nazi-Arschlöcher", die man vom öffentlichrechtlichen Rundfunk nicht gewohnt ist. Auch der Senderaum hat seine Besonderheiten. "This ain't no fucking Jugendhaus!" steht auf einem Zettel, "Hallo Freund, Genossin, Kiffkopf!" auf einem anderen. Hier gehört ein bisschen Chaos einfach dazu. So hat die Kollegin Janka Kluge Probleme mit dem Internet, wo sie Beiträge anderer Stationen abrufen will. Nichts geht. Sie improvisiert routiniert, liest erst mal einen Artikel aus der Sozialistischen Zeitung vor und bekennt: "Ich habe so gut wie keine Sendung ohne Pannen." Kluge hofft auf das Verständnis der Hörer, denn "die wissen, dass wir nicht so glatt und durchorganisiert sind". Der Grund: Kluge ist gleichzeitig Sprecherin und Tontechnikerin. So passiert es ab und zu, dass sie "kruschtelt während das Mikro offen ist".

Viel Idealismus bringen die Mitarbeiter mit. Denn Werbung und Sponsoring lehnt das FRS ab, Geld braucht es dennoch. Miete, Telefon und anderes müssen finanziert werden - dafür zahlt jede Redaktion jährlich eine Gebühr von 90 Euro. "Bei uns zu senden bringt kein Geld, sondern kostet auch noch etwas", bringt es Bernd Füllgrabe vom Vorstand des Vereins auf den Punkt. Trotzdem: Das FRS erhält viele Anfragen nach Sendeplätzen. Dreimal im Jahr können sich neue Mitarbeiter bewerben - aber die Plätze reichen nie aus.

Einen Wunsch zum zehnten Geburtstag hat das FRS: Einen stärkeren Sender, um das ganze Stadtgebiet erreichen zu können. Die Chancen stehen schlecht. So wird es im Stuttgarter Süden weiter nur rauschen, wo andere ein buntes Programm hören.