Pressespiegel: Freie Sender geben Geflüchteten eine Stimme

Stuttgarter Zeitung, 21. 9.2016
Von Wenke Böhm

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Freie Sender geben Geflüchteten eine Stimme

Integration Immer mehr kleine Radiostationen entdecken journalistische Talente bei Asylbewerbern. Auch in Stuttgart sind Projekte am Start - etwa am Stöckach und auf dem Killesberg, wo sie sich mit ihren Anliegen zu Wort melden.

Gern erzählt Arnaud Sadio von seiner Zeit als Tageszeitungsjournalist. Der Beruf ist seine Herzenssache, doch diese Epoche ist mittlerweile ganz weit weggerückt, rund 5000 Kilometer
weit. Denn das war im afrikanischen Kamerun - damals, vor der Flucht. Seitdem ist alles neu. Seiner großen Liebe frönt der 35-Jährige aber noch immer, heute als Moderator des Refugee Radio im Freien Radio für Stuttgart (FRS) am Stöckach, das in diesen Tagen 20-jähriges Bestehen feiert.
Sadio gehört zum kleinen "harten Kern" der Sendung, weitere Geflüchtete helfen mit. Projektbegleiterin Diana Müller lobt die wertvollen Kenntnisse der Aktiven, die etwa aus Kamerun, Gambia, Pakistan, Mghanistan und Syrien stammen. Die erste Sendung lief im Mai. Inzwischen hat Refugee Radio eine Redaktion und einen festen Sendeplatz: immer dienstags von 17 bis 18 Uhr. Gesendet wird in den Heimatsprachen, deshalb kann es vorkommen, dass Beiträge nur von einigen Zuhörern verstanden werden. Finanziert wird das Projekt zunächst vom Förderverein des FRS, der sich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden trägt.
Die Vorlaufphase ab Herbst 2015 war kein Zuckerschlecken. ,,Anfangs gab es einige Anlaufschwierigkeiten", erklärt Diana Müller. Sprachliche und andere Hürden seien aber mittlerweile überwunden. Das Projekt habe eine Dynamik entwickelt. Nur Frauen sind noch immer rar - da würden sie sich mehr wünschen. Jugendliche möchten sie künftig ebenfalls gern mehr einbinden - erste Ideen dafür werden da bereits umgesetzt.
Arnaud Sadio ist sehr dankbar für die Möglichkeit, im Radio auch über die Themen sprechen zu können, die ihm derzeit auf den Nägeln brennen. "Das Projekt kann helfen, mit Politikern in Kontakt zu kommen", sagt er. Eine Scheu hat er vor ihnen nicht. Dafür ist er nämlich viel zu
sehr Profi.
Auch in einem Container auf dem Killesberg wird Radio gemacht. Seit knapp zwei Monaten sendet hier das Radio Rote Wand, und zwar immer freitags von 17 bis 20 Uhr im Internet unter www.goodmorningdeutschland.org. Das Projekt geht zurück auf eine Initiative des Komponisten
Hannes Seid!. Er rief im Mai 2016 gleich drei Radioprojekte von und für Flüchtlinge ins Leben, und zwar in Frankfurt, Donaueschingen und Stuttgart. Der Titel "Good Morning, Deutschland" spielt an auf den Kinofilm "Good Morning, Vietnam". "Wir berichten viel aus dem Containerdorf,
hören uns die Anliegen an und schauen, was wir verwenden können", sagt Issam A.-Karim. Er gehört seit dem Umzug von der Borsigstraße auf den Killesberg zu dem Team von Fatima Berekdar, Felix Heimbach und Ramin Nawabi. Sie machen abwechselnd das Programm und gehen dafür auch immer mal wieder auf Tour oder haben Gäste im Studio, wie zuletzt etwa das Trio Vocal Deluxe. Gesendet wird in Arabisch, Farsi, Englisch und Deutsch.
Die drei Gründungsmitarbeiter schaffen auf 400-Euro-Basis, Karim ehrenamtlich. Bislang wird das Projekt etwa von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert, doch die Finanzierung läuft im Oktober aus. Deshalb sucht der Freundeskreis Killesberg derzeit
nach Ideen für die Anschlussfinanzierung. Karim, der selbst einst als Kriegsflüchtling aus dem Libanon nach Deutschland gekommen ist, wirbt für das Projekt: "Es geht darum, Missverständnisse und Ängste abzubauen. Dazu muss man Türen und Herzen öffnen", sagt Karim.

Refugee Radio ist am ersten bis vierten Dienstag im Monat von 17 bis 18 Uhr in Stuttgart mit Antenne unter 99,2 MHz und via Kabel unter 102,1 MHz zu empfangen, mehr Informationen unter www.freies-radio.de. Das Radio Rote Wand ist freitags von 17 bis 20 Uhr live unter www.goodmorningdeutschland.org zu empfangen. Wer sich engagieren möchte, kann unter
info [at] goodmorningdeutschland [dot] org Kontakt aufnehmen.

Kasten: 20 Jahre Freies Radio für Stuttgart
Anfänge Mehrere Stuttgarter Initiativen haben sich vor 20 Jahren zusammengeschlossen,
weil sie Radio machen und damit die Welt verändern wollten. Doch die große Bandbreite führte zu einigen Auseinandersetzungen in Fragen von Religion und Weltanschauung, und so schlugen
einige Gruppen mit der Zeit andere Wege ein. Auch technisch lief nicht gleich alles rund: "Die ursprüngliche Frequenz von 97,2 MHz, abgestrahlt mit 100 Watt von einem Gebäude am tiefsten,
Punkt des Stuttgarter Talkessels, taugte nur für ein Übungsradio", so ein Vorstand im Jubiläumsprogrammheft. Besser wurde es später mit der Antenne auf dem Kamin der Müllverbrennungsanlage.
Entwicklung Heute sieht sich das Radio als bunten und vielfältigen "Flickenteppich" aus 50 Redaktionen. Die hohen politischen Ziele von einst seien runtergebrochen auf viele kleine, lokale Ziele. FRS-Sprecher Oliver Herrmann sagt, am meisten begeistere ihn, dass es das - zwischenzeitlich schon fast totgesagte - Radio noch gibt. Unter den Machern seien auch viele junge Leute.
Fest Der Geburtstag des Freien Radios für Stuttgart ist am Mittwoch, 28. September. Rund um diesen Termin gibt es Sondersendungen live aus der Innenstadt. Die Party zum Jubiläum ist am Samstag, 24. September, von 14 bis 22 Uhr im Hof der Stöckachstraße 16a im Stuttgarter Osten. Bei Livemusik gibt es reichlich Gelegenheit, die Radiomacher kennenzulernen. Für das
Drumherum haben sich angesagt: Blagoy Filipov, das Orchester Kuballa, Das kleine
Schwerkraft-Trio und die DJs der Redaktion Kronen Moven. Jeder ist willkommen. bmw