Pressespiegel: Jugendarbeit am Mikrofon

Stuttgarter Nachrichten vom 04.04.2003

Kennen gelernt haben sich die jungen Radiomacher durch das freiwillige gemeinnützige Bildungsjahr in Stuttgart

Jeden Freitag ist bei Oliver, Elisabeth, Bettina, Verena, Mira und Anja Radio-Tag - an diesem Tag produzieren sie ihre Sendung "Jugendstil". Die sechs sind nicht etwa ausgebildete Redakteure, nein. Kennen gelernt haben sie sich über ihre momentane Arbeit: Nach dem Abitur haben sich alle für ein so genanntes freiwilliges gemeinnütziges Bildungsjahr (GBJ) entschieden. Sie arbeiten an vier Tagen die Woche in einem Stuttgarter Stadtbezirk und befassen sich überwiegend mit Jugendarbeit beziehungsweise jugendlichen Themen. Das Modelprojekt GBJ gibt es seit vergangenen Jahres in Stuttgart. Aus den ursprünglich sieben sind nun zehn Arbeitsplätze geworden.

Doch das Engagement, das die sechs für die Jugendlichen in ihren Stadtbezirken aufbringen, reichte der jungen Truppe nicht. Sie wollten unabhängig vom GBJ etwas für Jugendliche auf die Beine stellen, etwas, was Jugendliche interessiert und informiert - die Idee der Radiosendung "Jugendstil" wurde geboren, nicht zuletzt, weil das Team neugierig, engagiert und lernfreudig ist.

Seit Herbst vergangenen Jahres kommen die GBJler in ihre Bezirksämter, schreiben Briefe, machen Sitzungskopien, organisieren Veranstaltungen oder verfassen Pressemitteilungen. "Für uns Jugendliche war es anfangs schon schwer, sich in die Strukturen einzufügen, da kann man nicht so freizügig Entscheidungen treffen", sagt Oliver mit Blick auf die Gemeinwesenarbeit. Doch was sich vielleicht nach einem zähen Job anhört, empfinden die Beteiligten als etwas Positives. Sie wollten nach dem Abitur etwas Praktisches machen, und im GBJ haben sie viel gelernt. Immerhin hat sich daraus auch die Radioarbeit ergeben.

Kurzerhand haben die sechs also ein Konzept ausgearbeitet und beim Freien Radio für Stuttgart eingereicht. Das zuständige Organ, das so genannte Plenum des Freien Radios, mochte das Konzept von "Jugendstil". Kurze Zeit später lief der erste Beitrag am 26. Februar über den Äther.

Jede Sendung hat ein Leitthema: Bei der ersten Sendung ging es um engagierte Jugendliche, in der zweiten, die am 26. März ausgestrahlt wurde, um das Thema Musik. Wer sich die Sendungen der ambitionierten "Jugendstil"-Redaktion anhört, begreift schnell, dass es der Gruppe um eine gute Mischung aus Information und Musik (feine Soul-, Funk-, Jazz-, HipHop-Musik) geht, und nicht zuletzt darum, dass Jugendliche äußern können, was sie bewegt, beschäftigt und begeistert.

Die Sendung "Jugendstil" läuft bis Sommer dieses Jahres - jeden vierten Mittwoch auf 97,2 MHz ab 17 Uhr. Die ersten beiden Sendungen hat die "Jugendstil"-Truppe im Voraus bearbeitet und aufgezeichnet. Bei der nächsten Sendung wird einer der sechs die Live-Moderation übernehmen. Was gar nicht so einfach ist, denn sprechen fürs Radio will gelernt sein. In einem Workshop, den das Freie Radio an Wochenenden anbietet, hat die Gruppe im Schnelldurchlauf gelernt, was man so fürs Radiomachen braucht. Wenn sich die sechs jeden Freitag in den Redaktionsräumen in der Rieckestraße im Stuttgarter Osten treffen, gibt es ganz unterschiedliche Aufgaben zu bewältigen. Die neuen Sendungen müssen geplant, Musik für eine Stunde ausgesucht, Beiträge geschnitten werden. "Wir haben anfangs viel rausgeschnippelt, was sich blöd angehört hat, vor allem die vielen Ähs", sagt Elisabeth und lacht.

In der nächsten Sendung, die am 23. April ausgestrahlt wird, ist nochmal Jugend und Musik das Leitthema. Die Redaktion hat dazu beispielsweise einen Sänger der Jungen Oper interviewt und hinter die Kulissen geschaut. Was der Truppe aber vor allem an ihrer Arbeit beim Freien Radio gefällt, bringt Verena auf den Punkt: "Wir sind frei in dem, was wir an Themen machen, und wir sind ehrgeizig und wollen schließlich keinen Scheiß senden." Dass es beim Freien Radio so unkompliziert zugeht, findet Verena positiv: "Wir mussten nicht erst eine Prüfung ablegen, bevor wir mal piep sagen durften", sagt die 20-Jährige.
Susanne Neib