Pressespiegel „Junge Leute haben Lust am Radiomachen“

Stuttgarter Nachrichten, 12.5.2014

„Junge Leute haben Lust am Radiomachen“
Montagsgespräch: Elena Maslovskaya und Jörg Munder sind die Macher des Projekts „Multicolor – alles außer hochdeutsch“

Von Elke Rutschmann

Die Produzenten Elena Maslovskaya und Jörg Munder vom Freien Radio für Stuttgart haben 2013mit einem Beitrag ihres Projekts Multicolor den Medienpreis der Landesanstalt für Kommunikation (LfK) gewonnen. 2014 sind sie erneut nominiert. Sie sprechen über ihre spannende Arbeit mit Jugendlichen.

Frau Maslovskaya, Herr Munder, wie sehr würden Sie sich freuen,wenn es an diesem Montagabend bei der Preisverleihung der Landesanstalt für Kommunikation im Stuttgarter Apollotheater vor über 1000 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Medien heißen würde: Der Gewinner ist „Spurensuche – unsere Stadt zum Hören“ ?
Munder: Wir wären natürlich unheimlich stolz und würden uns vor allem für die Jugendlichen Hendrik Ströhle, Julius Keinath und Leonard Wohlfarth freuen, die den Beitrag über die Weissenhofsiedlung gemacht haben. Aber allein schon zum dritten Mal mit einem interkulturellen Programm unseres Medienprojekts Multicolor nominiert zu sein ist schon eine tolle Sache. Das ist eine Bestätigung für unsere Arbeit. Wir sind jedenfalls mit 20 Leuten im Apollotheater und gespannt was passiert.
Wie sind Sie denn das Thema Spurensuche angegangen?
Maslovkaya: Wir haben die Jugendlichen an verschiedene geschichtlich und gesellschaftlich interessante Orte geschickt. Begonnen haben wir mit der Zigarrenfabrik Waldorf Astoria gleich hier neben unserem Studio. Sie hatten Spaß daran, verborgene Dinge zu entdecken und aufzubereiten. Ein Thema war die neue Stadtbibliothek. Daraus hat sich dann das Interesse für die Weissenhofsiedlung entwickelt und wir haben eine Wohnung besichtigt.
Wären die drei Reporter dann auch gerne dort eingezogen?
Munder: Ich denke nicht. Ihnen hat zwar der für die 20er Jahre unheimlich moderne Stil gefallen oder das man im Bad eine Glaswand wegschieben kann. Wer jedoch dort lebt, muss sich an die Häuser anpassen, und die Jungs konnten es sich nicht vorstellen, in einem Museum zu wohnen.
Wie schaffen Sie es, die Generation Playstation für das gute alte Radio zu gewinnen?
Maslovskaya: Junge Leute haben generell ein großes Mitteilungsbedürfnis, und damit kommt auch die Lust am Radiomachen. Bei unseren Projekten haben sie gemerkt, dass man Radio nicht nur hören, sondern auch mit spannenden Inhalten füllen kann. Sie lernen aber nicht nur, wie man Fragen stellt und Texte gestaltet, sondern auch Disziplin im Studio und wie man die richtige Musik
auswählt. Sie haben ein Gespür dafür entwickelt, dass beispielsweise Bushido nicht zu unserem Konzept passt,weil wir ja auch sehr viel mit Migranten arbeiten.Weil das Ganze aber doch anspruchsvoll ist, nehmen wir erst Kinder ab zwölf Jahren, weil die jüngeren dafür noch zu verspielt sind.
Im vergangenen Jahr haben Sie für die Sendung „Mittendrin –Mein Leben in Stuttgart und davor“ den Landesmedienpreis gewonnen. Worum ging es in diesem Beitrag und was hat er ausgelöst?
Munder: Acht Migranten, die schon lange in Stuttgart leben, haben erzählt, wie sie hierhergekommen sind, haben Orte besucht, die für sie wichtig waren. Katia, Ali, Francois, Magdalena, George, Mark, Claudia und Noureddine haben von ihrem Alltag berichtet, was sie verbindet mit anderen Migranten und gebürtigen Schwaben. Die CD mit der Reportage kann man sich in 18 Stadtbüchereien ausleihen. Durch den Landesmedienpreis ist hier schon eine andere Wahrnehmung für das Freie Radio für Stuttgart entstanden. Als wir kürzlich in die Stöckachstraße
in ein größeres Studio umgezogen sind, kam auch Bezirksvorsteher Martin Körner zur Einweihung.
Inwiefern können die Jugendlichen auch eigene Vorschläge einbringen?
Munder: Das ist jederzeit möglich. Wir sind ein Team und wollen nichts gegen den Willen der Kids durchdrücken. Vor etwa zwei Jahren hat ein Schüler einen Beitrag über Bronys gemacht. Das sind Leute, die sich selbst als Fan der Serie My Little Pony bezeichnen. Es handelt sich um eine sehr kreative Community, die Lieder komponiert oder ganze Geschichten über die bonbonfarbenen Ponys neu schreibt. Jedenfalls hat der Schüler kräftig gepostet, wann der Beitrag läuft, und wir hatten dadurch die bislang wohl höchsten Hörerzahlen bei dieser Sendung .
Da Sie kein kommerzielles Unternehmen sind, müssen Sie nicht in erster Linie nach hohen Hörerzahlen schielen.Wie hat sich das Freie Radio seit der Gründung 1993 in Stuttgart positioniert?
Munder: Wir sind bunt und sehen uns primär als Autorenradio. Derzeit haben wir rund 150 aktiv Sendende, doch es ist ein steter Wandel.Wir haben uns in den 20 Jahren verändert und auch etabliert. Grundsätzlich glaube ich, dass sich unser Radio seinen Platz gesichert hat, weil wir über viele Themen berichten können, die außerhalb des Mainstream liegen. Wir können in viele Nischen reingehen, die sonst nicht bedient werden. Aber leider gibt es immer wieder Ecken, wo unsere Frequenz nur schlecht zu hören ist.
Sie sind beide berufstätig und machen das Projekt Multicolor ehrenamtlich,wie geht das zusammen?
Munder: Wir sind beide im positiven Sinne Workaholics, seit einigen Jahren auch verheiratet, und deshalb bekommen wir das gut zusammen. Unsere Wohnung leidet vielleicht manchmal ein bisschen darunter, weil wir beide keine Zeit finden aufzuräumen.
Maslovskaya: Damit können wir gut leben. Da ich selbst Migrantin bin, ziehe ich auch für mich persönlich viel aus den Projekten und merke, was ich selbst alles nicht weiß. Ich bin ein sehr offener Mensch, lerne viel über die Stadt, in der ich sehr gerne lebe, mag diesen Austausch.
Wie finanzieren Sie Ihre Projekte und was wünschen Sie sich für 2015?
Munder: Wir werden bei der Spurensuche vom Förderprojekt Zukunft der Jugend der Stadt Stuttgart unterstützt. Wir planen schon weiter und wollen uns als nächstes mit der Geschichte der Hochhäuser Romeo und Julia des Bauhausarchitekten Hans Scharoun beschäftigen. Die Markthalle wäre auch interessant, die Zacke oder die Türme. Wir hoffen deshalb, dass die Förderung verlängert wird. Und natürlich wäre es toll, wenn wir auch im kommenden Jahr wieder zur Preisverleihung dürfen.

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Siehe auch: LFK-Medienpreis 2014 gewonnen