Pressespiegel: Lockere Sprüche über den Äther

Stuttgarter Zeitung vom 29.03.2006

Schorndorfer Gymnasiasten gehen bei einem Radio-Workshop live auf Sendung
Von Gabriela Uhde

SCHORNDORF. Für ein Schulprojekt haben sich Axel Frey und Alex Herfert als Radiomacher gemeldet. Das nötige Wissen hat ihnen ein Workshop des "Freien Radio für Stuttgart" vermittelt, von wo aus sie live in die gesamte Region senden.

In einem Büro am Marktplatz haben Diana Müller und Oliver Kempter, die das Projekt betreuen, bereits die technischen Geräte aufgebaut. Es ist halb zwei Uhr. Von drei bis vier Uhr soll von hier aus die erste Livesendung aus Schorndorf über die Frequenz 99,2 in den Äther gehen. Noch aber fehlt Alex und Axel die Anmoderation für ihren Beitrag. Die beiden 17-Jährigen sitzen derweil im Nebenraum und albern vor sich hin. Sie legen eine bemerkenswerte Mischung aus Lampenfieber und jugendlicher Unbekümmertheit an den Tag. "Kann ich den Titel von Cold Play als melancholisch ankündigen?" fragt Alex. Sein Kumpel zweifelt: "Ich würd" eher sagen: verträumt."

Was für ein Gefühl ist es, wenn gleich alle Welt ihre Stimmen über den Äther hört? "Alle Welt?!" meint Alex skeptisch, "man empfängt den Sender doch nur in Stuttgart, und in Schorndorf kriegt man ihn kaum noch rein." Auch Axel erklärt cool: im Gegensatz zu einem Vortrag vor der Klasse findet er die Radiosendung "entspannter, da hat man die Leute nicht direkt vor sich".

Dass die beiden Zwölftklässler an diesem Nachmittag im temporären Schorndorfer Studio des Freien Radio für Stuttgart (FRS) stehen, verdanken sie einer Freundin. Diese hatte sie nicht nur gebeten, bei dem für Juli geplanten Projekt "Schule als Staat" das "Staatsradio" zu betreuen, sondern wies sie auch gleich darauf hin, dass just von FRS ein Workshop vor Ort angeboten wird. Dort haben die Jungs inzwischen die Grundlagen des Radiojournalismus und den Umgang mit der Technik gelernt. Einblicke ins Medienschaffen hatte Axel bereits bei einem Zeitungspraktikum gewonnen und kann vergleichen: "Radio macht mehr Spaß, weil es mehr Entertainment ist." Außerdem "geht es schneller, weil man nicht erst den Text schreiben muss".

Umfangreicher als gedacht war dann aber doch das Schneiden der von ihnen produzierten Umfrage. Sie hatten Passanten nach ihrer Meinung zum Streit um die Mohammed-Karikaturen gefragt. Den Dreiminutenbeitrag hat Alex jetzt auf seinem USB-Stick dabei, dazu zwanzig Minuten Lieblingsmusik. "Oh", wird es Alex auf einmal bewusst, "dann müssen wir ja sieben Minuten reden." Exakt eine halbe Stunde der Sendung ist für sie reserviert.

Kurz vor Sendebeginn: der Adrenalinspiegel hat bei beiden seinen Höchststand erreicht, Herumalbern wirkt als Ventil. "O. k., Jungs", mahnt Diana Müller, "ihr habt jetzt eine halbe Minute, um ein bisschen runterzukommen." Dann gibt sie ein Handzeichen und die Jungs spulen ihren Text runter, als hätten sie ihr Lebtag nichts anderes getan. Beim Einspielen der Lieder werden zwar zwei vertauscht und mancher Übergang läuft nicht perfekt, aber am Ende sind alle sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Das Freie Radio Stuttgart bietet regelmäßig Workshops für Jugendliche und interessierte Erwachsene in der Region an. Einerseits wirbt der nicht kommerzielle Sender damit für sich selbst, andererseits sollen die Hörer in Stuttgart über dieses "Fenster zur Provinz" erfahren, was da draußen die Menschen bewegt und was dort geboten ist. Den gesamten März über ist einmal pro Woche aus dem improvisierten Studio Schorndorf gesendet worden. Eine dauerhafte Lokalredaktion, wie sie in Ludwigsburg bereits etabliert ist, ist auch hier das Wunschziel der Macher vom Freien Radio.

Axel wäre in solch einer Außenstelle natürlich mit von der Partie. Er hat Geschmack am Radio gefunden und visiert ein Praktikum beim SWR an. Am morgigen Donnerstag, 30. März, sind die beiden noch einmal zwischen 15 und 16 Uhr auf der Frequenz 99,2 zu hören.

Danach müssen sie ihr Schulprojekt vorbereiten. Statt Themen wie die Sicherheit von WM-Stadien, Mehrwertsteuererhöhung und US-Außenpolitik, die im FRS-Workshop bearbeitet wurden, produzieren sie für ihr "Staatsradio" Lehrerinterviews. Vor allem aber werden sie dann Grüße verlesen und Musikwünsche erfüllen.