Pressespiegel: Mehr Empfang vom Kamin des Kraftwerks

Stuttgarter Zeitung vom 22.04.2003

Neue Antenne in Münster
Eine neue Sendeanlage auf dem Schornstein des Müllheizkraftwerks in Münster soll den Radioempfang verbessern. Von der Anlage profitieren das Deutschlandradio und das Freie Radio Stuttgart. Außerdem vorgesehen: ein ganz neues Radioprogramm.

Von Jürgen Brand

Die Hörer des Deutschlandradios und die Fans des Freien Radios Stuttgart beklagen sich schon lange darüber: In Stuttgart sind die Programme per Antenne zum einen schlecht und zum anderen nur von wenigen zu empfangen. Das soll sich jetzt ändern. Die Landesanstalt für Kommunikation (LfK) hat nach eigenen Angaben "den neuen Senderstandort in Stuttgart-Münster erschlossen" und nimmt dort auf dem Schornstein des Müllheizkraftwerks "eine sehr aufwendige Antennenanlage in Betrieb".

Von Münster aus wird künftig auf sechs UKW-Frequenzen gesendet. Zwei der Frequenzen bekommen das Deutschlandradio und das Freie Radio Stuttgart, zwei Frequenzen sind noch frei, die übrigen beiden sind für neue private Radioprogramme reserviert. Auf der einen Frequenz wird künftig ein Kulturprogramm gesendet, über das noch nicht entschieden ist, auf der anderen ein laut LfK "einzigartiges Radioprojekt".

Das Programm wird "Chart Radio" heißen und in Baden-Baden produziert. Die LfK hatte in der Ausschreibung für das Testprojekt, auf die nur zwei Bewerbungen eingingen, folgende Vorgaben gemacht: "Ziel des Projekts ist, Erkenntnisse darüber zu erhalten, ob und wie ein privates Hörfunkprogramm im Wesentlichen als Testplattform für neue Programm- und neue Werbeformen genutzt werden kann."

Dabei soll untersucht werden, ob und wie, insbesondere für die Musikindustrie, ein bisher nicht verfügbarer Zugang zu einem Testpublikum unter realen Bedingungen geschaffen werden kann. Außerdem soll geprüft werden, wie alternative Finanzierungsmodelle zur herkömmlichen Hörfunkfinanzierung entstehen können. Hintergrund des Projekts ist, dass in den Privatradios seit einigen Jahren zunehmend nur noch Hitparadenerfolge gespielt werden, neue Musikstile, -stücke und -gruppen aber kaum noch eine Chance bekommen. Die Musikindustrie fordere schon seit langem eine Art Zwangsquote für neue Titel, so ein LfK-Sprecher. Im neuen Programm soll all dies ausprobiert werden.

Im "Chart Radio", das bereits im Internet existiert und Musik aus Ranglisten aus den verschiedensten Musikbereichen sowie Informationen aus der Popbranche anbietet, haben sich zahlreiche Unternehmen zusammengeschlossen. Die Federführung hat die Media Control in Baden-Baden, beteiligt sind nach LfK-Angaben aber auch die Großen der Musikindustrie wie Universal, BMG und Warner. Mit EMI und Sony werde noch verhandelt.

Chefin der Chart Radio Webcasting AG ist Ulrike Altig. Sie beschreibt das künftige Programm so: "Wir wollen ein junges, modernes und progressives Programm machen. Gespielt wird, was im Moment nur schwer oder überhaupt nicht im Radio zu hören ist, was die Jungen lieben und nirgends hören können." Die kurzen Moderationen sollen sich ausschließlich auf die Musik und die Künstler beziehen, Lifestyle-Anekdoten seien nicht geplant, stündliche Nachrichten auch nicht. Es würden auch Charts gespielt, aber nicht nur die Top 100, sondern auch alternative Hitparaden. Dabei werde auf die Möglichkeiten der Media-Control-Tochter Music Control zurückgegriffen, die täglich aus 16 Ländern Informationen bekomme, was gerade "trendy" sei.

Außerdem sollen in Stundenblöcken neue Musikstile getestet werden. Die schon lange für Radioprogramme geforderte Quote für deutsche Produktionen soll laut Ulrike Altig von Anfang an berücksichtigt werden. Sie will das Programm und das dafür verantwortliche Team Mitte Juni der Öffentlichkeit vorstellen. Auf der neuen analogen, terrestrischen Frequenz können nach LfK-Angaben bis zu eine Million Hörer erreicht werden.