Pressespiegel: Pop ist eine leere Hülle

Stuttgarter Zeitung vom 17.09.2003

Das Freie Radio für Stuttgart will Gegenöffentlichkeit
Von Eva Prost

"Hallo, hier ist das Freie Radio für Stuttgart, und ihr hört ,Sexy Kapitalismus" oder Pop ist eine Pizzaschachtel." Elektronische Klänge pulsieren durch den Äther, klopfen wie ein Herz unter Wasser, verzerrte Klaviertöne zerschneiden ein metallisches Wischen, ein wummerndes Flip-Flop fließt ein. Im Studio verschluckt ein oranger Wandteppich Marke Monsterfell den Hall, die Plattenteller drehen sich, vor dem hochgefahrenen Regler leuchtet ein grünes Lämpchen. Es ist Dienstag, 17.20 Uhr beim Freien Radio für Stuttgart (FRS), in der Rieckestraße 24 und auf 99,2.
FRS, auf Kabel unter 102,1 zu empfangen, ist eine offene Redaktion mit Sendeplätzen für alle, die Spaß am Radiomachen haben. Juristisch gesprochen ist es der nicht kommerzielle Lokalfunk für die Region Stuttgart, idealistisch formuliert sollen hier die zu Wort kommen, die zu herkömmlichen Medien keinen Zugang haben. Gegenöffentlichkeit heißt das Stichwort.

Oder "Sexy Kapitalismus", was bedeutet, dass die Welt bloß nett verpackt, dass Pop nur eine leere Hülle ist. Deshalb spielt Oliver, Student an der Hochschule der Medien, volle Elektrobeats.
Um 18 Uhr wird die Kapitalismuskritik ideologisch. Die Inforedaktion meldet sich mit dem "Schwarzen Dienstag", die Anarchistenfahne weht im Geist. "Hard Progressive Metal" nennt sich die Hetzjagd der Gitarren, der Tod schreit nach "anarchyyy". Verantwortlich für die Sendung ist Ralph Wilhelm, ein Anarchokommunist, der in Wirklichkeit anders heißt. Sein politisches Ziel ist die "Aufhebung der Herrschaft von Menschen über Menschen". Den Genossen vor den Boxen liest er ganzseitige Texte aus dem sozialistischen Kampfblatt "Bahamas" vor.

Die politische Gesinnung ist beim FRS frei, zumindest im linken Spektrum. Parteien sind vom Programm ausgeschlossen, ebenso rechtsradikale Inhalte. Viermal im Jahr dürfen neue Gruppen Ideen vorstellen, die Redaktion wächst. Zurzeit gibt es fast siebzig Sendungen mit mehr als 200 Mitarbeitern. Die Redaktionen füllen die Zeit von zwölf Uhr mittags bis ein Uhr nachts, vereinzelt sind auch vormittags Programmplätze belegt. Sie spielen Clubmusik, Jazz oder Klassik, moderieren Selbsthilfemagazine oder Kulturprogramme oder gestalten Sendungen für ausländische Bürger. Rund ein Dutzend war bereits beim Sendestart im September 1996 dabei.
So auch die "Kulturredaktion", die dienstags um 19 Uhr ihren Platz hat. Künstler Andreas Bär - "Bär on Air" - spricht mit Studiogast Frank Gräfe über die "Quadratur des Kreises". Die Kapitalismuskritik reißt nicht ab. "Der Kapitalismus ist der rechte Winkel", erklärt der Galerist und Künstler Gräfe, "die Erde ist der im Krieg quadratierte Kreis." Es folgt die Anleitung zur "Antiquadratur", zur Vernetzung der Welt. Gräfe bittet um einen Quadratmeter Boden gegen Ersatz. Seine Standardanfrage lässt er gerade in Italienisch übersetzen, um einen Quadratmeter Petersplatz zu beantragen, den sich eine Kirche im Tausch gegen ihre Dielenbohlen wünscht.
Zwischendrin tuckert der Asphalt-Tango und es erschallt Miserere von Allegri, die Karmesse der Sixtinischen Kapelle. "Kunst ist alles, was in keine Schublade passt", definiert Bär. Ihn reizt es, über das nicht visuelle Medium Bilder in den Köpfen der Zuhörer zu erzeugen. Gerne erzählt er, wie er einen Dia-Abend übertragen hat. "Wir müssen aus Formaten raus", sagt er und trifft den unkonventionellen Charakter des FRS. Der Sender entzieht sich dem Aktualitätsdruck, sprengt die Grenzen üblicher Sprechanteile, verzichtet auf Hitparaden. Weder Nachrichten noch Jingles unterbrechen das Programm, Werbung ist tabu. Der Sender finanziert sich durch Gelder der Landesanstalt für Kommunikation und Spenden des Fördervereins.

Um 20 Uhr weicht die Kapitalismuskritik dem "humorvollen Aufschrei der Entwurzelten", Blues von John Lee Hooker und Robert Johnson. Olli, Yvonne und Tina sind "Dazwischen" - zwischen Literatur und Musik. Vor vier Monaten ist dieses Format aus der "Studistunde" entstanden - die Umbenennung war Vorgriff auf das Uniende, Tina und Yvonne haben eben die Magisterarbeit abgegeben. Jetzt lesen sie Episoden aus dem Leben der Musiker vor, zum Beispiel die, in der Johnson vergifteter Whiskey serviert wird, weil er für des Clubbesitzers Freundin gesungen hat. Drei Tage später war er tot.

Die Musik - neben Hooker und Johnson die Stones, Clapton und der Soundtrack der "Blues Brothers" - stammt aus Ollis Sammlung. Der Veranstaltungstechniker besitzt 1500 Singles, 2000 LPs und 1000 CDs. Jede Redaktion bringt selbst Musik mit. Der Geschmack des Hörers ist verblüffend, der Hörer selber manchmal auch. "Bei Klassik fragen Anrufer nach dem Titel", erzählt Olli. Als er die CD einer Nachwuchsband verloste, rief Smudo von den Fantastischen Vier an.

Dann wird es eng. Um 21 Uhr versammelt sich Radio Ghana im Studio. Zwei Männer nehmen an der Technik Platz, ein weiterer Mann und vier Frauen setzen sich an den Gästetisch. Auf Englisch begrüßt Gabriel Tamound die Talkshowproduzentin Afia Ansaa Ampene, sie wird über "diseases of women" aufklären, speziell über Gebärmutterhalskrebs. Dann versteht der Zuhörer nur noch "breast cancer" und "Frauenarzt", denn die Sendung wird in der Twi-Sprache fortgesetzt.
Seit drei Jahren machen sieben afrikanische Stuttgarter dreimal die Woche Programm für rund 300 Landsleute im Sendegebiet. Es geht um Religion, Politik und Kultur. Die Anrufe in der Sendung beweisen, dass ein Publikum erreicht wird. Das FRS ist in der Region der einzige fremdsprachliche Multikultisender, neben Radio Ghana gibt es eritreische, brasilianische, russische, türkische, kurdische und iranische Redaktionen.

Das Nachtprogramm heißt "Basstion", Drum "n" Bass dröhnt aus den Boxen. Johannes und Sebastian stehen an den Plattentellern, scratchen, zucken im Takt mit den Schultern, Freunde kommen rein. Die beiden DJs reden von sich als Vinyljunkies und haben schon in der Röhre aufgelegt - und auch in Australien. Offiziell Schluss ist um 1 Uhr - doch das Endlosband ist geduldig.