Pressespiegel: Schon entdeckt? Freies Radio für Stuttgart

MMM - Menschen machen Medien Juli/August 2006

von Sabine Weissinger

Montagabend, 20 Uhr. Fans von Psychedelic Trance und der Sendung "Miditation" kommen brüsk wieder zu sich, schalten schnell das Radio aus oder vollziehen einen krassen Programmwechsel. Denn ab jetzt läuft "Du läufst niemals allein!" - Manfred "Manne" Adam berichtet aus der Welt des Fußballs. Zwischen den An- und Abpfiffen: Heavy Metal. Das Richtige für harte Jungs, die Mannes O-Töne aus dem Abseits der WM, sei's vom letzten Spiel der Stuttgarter Kickers oder des FV Zuffenhausen, jede Woche voll Spannung erwarten. Nun gut: Geschmäcker sind verschieden.
Diese drei Worte umschreiben bereits eine Maxime des Freien Radios für Stuttgart (FRS), das Manne und seinen über 200 sendungsbewussten Kolleginnen und Kollegen als Plattform dient. Der gemeinnützige Verein will seit 1996 einen Kontrapunkt setzen zum kommerziellen Radio, zu Mainstream und gängigen Hörgewohnheiten. "Keine Werbung, kein Sponsoring. Keine Morningshows und keine Durchhörbarkeit", zählt Vorstandsmitglied Jörg Munder auf. "Mit Themen und Musik, die anderswo zu kurz kommen, und offen für alle."

Lebenswelten treffen zusammen. Ob Hiphopper, Arbeitslose oder Umweltaktivistin, Azubi, Alevit oder Migrantin, sie alle schaffen sich ihr Medium in ca. 50 Redaktionsteams, 75 Sendungen, 20 Sprachen - vom Arbeitsweltradio der DGB-Jugend, der Ghana Voice und dem Russischen Kulturroulette bis zum Greenpeace-, Schwul- oder Stotter-Funk. Hinzu kommen Schulprojekte, Workshops, Kooperationen mit Jugend- und Kultureinrichtungen. Um zu bündeln und zu planen, das Ausgestrahlte zu kritisieren und neue Ideen vorzustellen, gibt's ein monatliches Plenum. "Das FRS ist gelebte und gesendete Vielfalt in Extremform", schwärmt Oliver Herrmann. Er ist für die PR zuständig. Und er hat zusammen mit einem Techniker und einer Medienpädagogin das Glück, eine nach Tarif bezahlte 12-Stunden-Stelle zu besitzen. Alle übrigen Radiomacher arbeiten ehrenamtlich.

"Gut 500 Mitglieder hat das FRS, 1000 sollen es werden", sagt Munder. Mit diesem Ziel mache man derzeit Werbung in eigener Sache. Denn dann wäre das FRS finanziell unabhängig von der Landesanstalt für Kommunikation (LfK) - mit der sich der Sender im Rechtsstreit befindet. Beklagt wird die Bevorzugung des kommerziellen Hörfunks bei der Frequenzvergabe wie auch die Splittung der zugeteilten Frequenz. Seit das FRS diese mit dem örtlichen Hochschulradio teilen muss, kürzt die LfK den Zuschuss von ehedem 45.000 Euro schrittweise um bis zu 7.000 Euro pro Jahr. Nun stecke das FRS in Geldnöten. Dabei müsse man laut Munder dringend die inzwischen zehn Jahre alte, marode Technik erneuern.

"Das Leben ist eine Baustelle", zitiert Manne den Titel eines Low-Budget-Films. Der 42-Jährige, der im Hauptberuf als Sprachtrainer arbeitet, macht aus der Not eine Tugend: "Wenn die Technik streikt, sind Improvisationstalent und Kreativität gefragt. Radiomachen ist ein Prozess mit Rückschritten. Auch daran sollen unsere Hörer teilhaben", meint Manne. Und dazu gehöre momentan eben auch das leiernde Tonband und das knackende Mikro.