Pressespiegel: Vielfalt ist die große Stärke

Stuttgarter Zeitung vom 8. August 2008

Migranten im Freien Radio

Das Freie Radio bietet als einziger Stuttgarter Sender Radio von und für Migranten. 15 internationale Redaktionen senden in ebenso vielen Sprachen und sorgen für interkulturelle Vielfalt. Das neue Projekt "Multicolor" bietet ausländischen Vereinen eine Plattform im Äther.
Von Jörg Eckstein

Aus dem billigen Küchenradio im Empfangs- und Gemeinschaftsraum, eigentlich dem Flur der Räumlichkeiten des Freien Radios, dringt das hausgemachte Programm. Lebhafte italienische Stimmen spielen sich bei der Moderation die Bälle zu und kündigen den nächsten mediterranen Ohrwurm an. In den abgenutzten Sesseln warten schon die Sprecher der nächsten Sendung. In einer halben Stunde werden sie das kleine Sendestudio im fliegenden Wechsel übernehmen.
Mit kleinen finanziellen Mitteln und großem ehrenamtlichem Engagement wird in dem alten Backsteinbau an der Rieckestraße nahe des ehemaligen Arbeitsamts Radio gemacht. Mit einiger Sicherheit das vielseitigste Stuttgarts. "Das klingt nicht immer so professionell wie bei den Italienern", sagt Florin Zaheu, Vorstandsmitglied des Vereins zur Förderung des freien Radios und Initiator des Projekts "Multicolor". "Wir setzen keine hohen Hürden, bei uns dürfen alle senden."

Seit zwölf Jahren ist das Freie Radio für Stuttgart bereits auf Sendung. Mit 250 aktiven Mitgliedern in mehr als 60 unabhängigen Redaktionen bedient es zahlreiche kulturelle und musikalische Nischen und bietet all jenen einen Sendeplatz, die sonst in den Medien kaum repräsentiert sind.

An der Rieckestraße gehen die Fußballfans auf Sendung, genauso wie die Homosexuellen, jugendliche Hip-Hop-Fans genauso wie Freunde der klassischen Musik. Eine Hörspielredaktion gibt es, wie auch den Stotterfunk, eine Sendung von Stotterern für Stotterer. Das Freie Radio für Stuttgart ist das einzige echte Programmradio in der Region. Es ist nicht zum Durchhören von früh bis spät konzipiert, sondern für das gezielte Zuschalten und Zuhören.

Etwa 30 Prozent der Sendezeit entfallen auf die muttersprachlichen oder zweisprachigen Sendungen der 15 Länderredaktionen. "Das Migrantenradio wird sehr gut angenommen", sagt Florin Zaheu, der selbst in der rumänischen Redaktion mitarbeitet. "Wenn wir auf Sendung gehen, hört fast die ganze rumänische Gemeinde in Stuttgart zu."

Gemeinsam mit Elena Maslovskaja, einem Mitglied der russischen Redaktion, hat er das Projekt "Multicolor - alles außer Hochdeutsch" ins Leben gerufen. Der Name des Projekts ist eine satirische Anlehnung an den Werbeslogan des Landes: "Wir können alles - außer Hochdeutsch." "Obwohl wir auf Deutsch senden, ist die Sprache doch das erste Erkennungsmerkmal von Migranten", sagt Zaheu. "Genauso wie von Schwaben", fügt Elena Maslovskaja lachend hinzu. Mit dem Projekt wollen sie in erster Linie den ausländischen Vereinen und Kulturschaffenden eine Plattform im Äther bieten. "In Stuttgart gibt es 260 ausländische Kulturvereine, denen bisher keine einzige Stunde Sendezeit zur Verfügung stand - bei keinem Sender", sagt Florin Zaheu.

Ein weiteres Ziel ist die Vernetzung der verschiedenen Vereine, die bisher kaum in Kontakt zueinander standen. Elf Monate wollen Zaheu und Maslovskaja das Projekt betreuen. Dann, so hoffen sie, wird eine interkulturelle Redaktion entstanden sein, die wöchentlich auf Sendung geht. Themen gibt es laut Zaheu genug: "Bereits nach einem Monat haben wir genug Material gesammelt, um für vier Jahre Programm zu gestalten."

Das Projekt "Multicolor" entsteht in enger Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Verein Forum der Kulturen, in dessen Vorstand Florin Zaheu ebenfalls tätig ist. Die kleine Ämterhäufung sei für seine Radioarbeit eine große Hilfe, sagt er. "Das Forum der Kulturen ist der beste Ansprechpartner, wenn es um Immigration und internationale Veranstaltungen geht." Die Programmzeitschrift des Vereins Begegnung der Kulturen verzeichnet monatlich fast 400 Veranstaltungen. Ein enormer kultureller Reichtum, aber auch eine Herausforderung, der sich die Radiomacher stellen. Wie der Homepage des Forums der Kulturen zu entnehmen ist, wird in naher Zukunft jeder zweite Stuttgarter unter 40 Jahren einen Migrationshintergrund haben.
"Mit ihrer interkulturellen Arbeit erfüllen die freien Radios eine wichtige Funktion", sagt Axel Dürr, der Pressesprecher der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LfK). Das Projekt "Multicolor" wird von der LfK mit 8800 Euro gefördert. Eine wichtige finanzielle Hilfe für den chronisch unter Geldnot leidenden Sender. Seit sich das Freie Radio eine Frequenz mit dem Stuttgarter Hochschulradio teilen muss, sind mit der Sendezeit auch die Zuschüsse weniger geworden. "Es gibt Überlegungen, die durch den Konkurs des Wissenssenders Wilantis frei gewordene Frequenz 88,6 MHz in eine Hochschulfrequenz umzumünzen", sagt Dürr. "Es könnte sein, dass dem Freien Radio dann wieder eine Frequenz rund um die Uhr zur Verfügung gestellt wird." Darauf hoffen auch die Radiomacher an der Rieckestraße.