Pressespiegel: Vom Refugee zum Radiostar

LIFT 07/2016
Von Alexander Franke

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Der ehemalige Zeitungsmann Arnaud Sadio moderiert beim Freien Radio Stuttgart
Vom Refugee zum Radiostar

Es ist nicht ungewöhnlich, dass einem immer wieder neue Töne begegnen, wenn man ins Freie Radio für Stuttgart (FRS) zappt. Gerade darin liegt der Reiz dieses bunten Programms. Seit einigen Wochen hört man auch immer wieder lange Takes auf Urdu und Paschtu, zwei Sprachen, die man in Afghanistan und Pakistan spricht. Und wenn man sich gerade an das Sprach­wirrwarr gewöhnt hat,geht es auch schon auf Englisch, Französisch oder Arabisch weiter. Zwischendrin immer wieder Musik, mal lustig, mal traurig, aber immer international. Willkommen bei Refugee Radio, dem Stutt­garter Flüchtlingsradio. "Die Idee stand schon lange im Raum", erzählt Daniela Müller, die ihre Brötchen eigentlich mit Hörspielen beim SWR verdient. Nebenher arbeitet sie beim FRS."Als ich in der Redaktion davon gehört habe, wollte ich das unbedingt machen", sagt sie. Müller macht selbst eine Sendung mit queer­feministischen Themen, jetzt betreut sie zu­sätzlich das Refugee Radio. "Die Arbeit mit denGeflüchteten macht so vielSpaß, ich kann es mir nicht mehr ohne vorstellen", freut sich die Vollblut-Radiofrau.
Einer der Geflüchteten ist der 33-jährige Arnaud Sadio aus Kamerun. Sadio war in sei­ner Heimat ein gefeierter Zeitungsjournalist mit ordentlicher Auflage und viel journalisti­schem Einfluss. Dass einem so eine Position in einem Land voller innenpolitischer Span­nungen, Menschenrechtsverletzungen und Gewalt schnell zum Verhängnis werden kann, musste auch er erfahren. Sadio ist aus seiner Heimat geflohen und nun in einem Heim in S-Bad Cannstatt untergebracht. "Radio ist meine zweite Chance, es ist ein Traum", sagt der Mann im schicken Hemd, "und ganz ehrlich: Radio ist noch spannender als Zeitung, ich will nichts anderes mehr machen."
Zusammen mit einem Kollegen aus Nigeria hat er schon eine zweite Sendung und ist Teil der Redaktion von Radio Afrika. "Ihr seht, ich kriege nie genug", erklärt Arnaud in einem Mix aus Englisch, Französisch und richtig gut­em Deutsch.
Die Themen dürfen die Geflüchteten selbst bestimmen, genau wie die Sprache, in der sie moderieren. Und die Musik bringen sie auch selbst mit. Radioprofi Müller hat zwar ein Au­ge auf die Inhalte, doch sie vertraut den Re­fugee-Radio-Machern: "Wir haben Regeln aufgestellt, dass zum Beispiel keine sexisti­schen Inhalte stattfinden oder politischen Dis­kussionen, in denen andere Gruppen ange­griffen werden. Aber das ist für unsere Radio­macher selbstverständlich", sagt sie. Immerhin kommen die meisten ursprünglich aus den Medien und wissen, was nicht geht.
Mitmachen darf jeder Geflüchtete, unabhän­gig von Alter, Herkunft und Erfahrung. "Das ist alles ehrenamtlich. Wichtig ist, dass sich endlich auch Frauen finden, die mitmachen. Wir sind gerade dabei, neue Flyer in allen mög­lichen Sprachen zu drucken, die auch den weiblichen Refugees Mut machen, sich zu be­teiligen", erklärt die Projektleiterin. Arnaud hört gespannt zu, schreibt sich die Wörter auf, die er noch nicht kennt und googelt gleich, was sie denn bedeuten. Und schon sieht man ihn wieder im Studio, für die näch­ste Show üben. Mehr Liebe zum Radio geht nicht. Der nächste Matthias Holtmann scheint aus Kamerun zu kommen.

REFUGEE RADIO ab Juli: Di 17-18 Uhr, Freies Radio für Stuttgart auf UKW 99.2.
Alle Sendetermine und Infos unter www.freies-radio.de