Pressespiegel: Etablierte Unetablierte

Stuttgarter Wochenblatt, Ost, 21.9.2016
Von Thomas Miedaner

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Etablierte Unetablierte
Das Freie Radio für Stuttgart feiert seinen 20. Geburtstag

Bunter konnte schon der Auftakt kaum sein: "Zukünftig gibt es neben dem Laberfunk noch Betroffenheitsfunk", begann Kolumnist Joe Bauer den Eröffnungsreigen im Herbst 1996. Die Bildzeitung ergänzte: Der "Geheimsender der Terrorkurden ". Von der ersten Minute war klar. Einfach hat es ein unabhängiger Radiosender nicht. Aber deshalb sollte er auch nicht gegründet werden.
Es war ein Zusammenschluss von vielen Stuttgurter Initiativen mit großer gesellschaftlicher Bandbreite, der als Konsens die Welt verändern wollte. In unterschiedlichster Form: Migrationscommunities versuchten das Freie Radio als Geschäftsmodell zu nutzen und machen Community-Radio. Für eine eriträische Redaktion war die erste Station in der Falbenhennenstraße Oppositionsfunk, Castor-Radio verstand sich immer auch als Anti -Atom-Funk und der Parkschützerfunk gegen Stutlgurt 21.
Der Weg dahin war nicht einfach. Auseinundersetzungen zu Weltanschauungs- und
Religionsfragen führten zu schmerzhaften Ausscheidungsprozessen. "Es wurden Gruppen ausgeschlossen oder aber verabschiedeten sich von selbst" , sagt Oliver Herrmann vom Freien Radio für Stuttgart. Und auch wenn es eine gewisse Fluktuation immer gab. Die Vielfältigkeit ist geblieben. Der Flickenteppich aus den etwa 50 Redaktionen ist bunt. Ein politisches Muster ist nur stellenweise zu erkennen, nicht einmal die Qualität der Flicken ist einheitlich, und doch bietet er ein ansprechendes Bild. Geblieben ist auch der immer wiede aufkommende Kunflikt mit der Aufsichtsbehörde, der Landesanstalt für Kommunikation (LfK). Angefangen von der Frequenz bis hin zu gerade für kommunale, unabhängige Sender nur schwer erfüllbare Bedingungen. Allerdings ist es hier in den vergangenen Jahren ruhig geblieben", sagt Herrmann. Der Sender ist nach 20 Jahren nun schlicht und einfach etalbliert und neue Konflikte im Augenblick nicht in Aussicht. "Trotzdem bleiben wir in dieser Hinsicht stets aufmerksam". sagt Herrmann.
Schwierigkeiten machte auch die Raumfrage. Zweimal musste in neue Räume gezogen werden. "Letztlich hatte das jedes Mal eine positive Wirkung". sagt Hermann. Vor allem der zweite Umzug vor ziemlich genau drei Jahren in die großzügigen und hellen Räume in der Stöckachstraße 16a. "Die jetzigen Räumlichkeiten bieten genau die richtigen Voraussetzungen für unsere Arbeit". sagt Herrmann. Vor allemem kann man nun die schon länger angedachten "Live-Radio-Sendungen" mit Publikum umsetzen, die auch sehr rege besucht werden.
Nur einer von vielen neuen Programmpunkten: Erfolgreich wurde ein Refugee-Radio etabliert, in dem Geflüchtete selbst ihre Themen senden. Medienpädagogik ist auch dem Freien Radio als
Aufgabe zugewachsen. Mit vielen Schulen und Kultureinrichtungen wird zusammen gearbeitet.

INFO
Am Samstag, 24. September, findet von 14 bis 22 Uhr das Jubiläumsfest mit Live-Musik, Getränken und leckerem vom Grill im Hof der Stöckachstraße 16a statt. Am Mittwoch, 28. September, gibt es eine Sondersendung aus der Stuttgarter Innenstadt ab 16 Uhr. Ab Donnerstag, 6. Oktober, geht um 19 Uhr das Sozialmagazin mit der Sendung 20 lahre Selbsthilfemagazin auf Sendung. Am 22. Oktober 1996 gab es das erste Selbsthilfemagazin. Inzwischen heißt die Sendung Sozialmagazin. Am 28. Oktober wird auch ganz ohne Radio gefeiert. fm Club Universum am Charlollenplatz heißt es ab 22 Uhr "20 Jahre Code Red / Drum & Bass Radio' . Das Freie Radio für Stuttgart lässt sich über die Frequenz 99,2 empfangen. Mehr Infos gibt es auch im Internet unter www.freies-radio.de.