02.10.2018 09:00 Uhr Morgenlatte – Theoriegewichse vom Feinsten

Neoliberaler Anti-Utopismus und Unwirklichkeit (Gerhard Stapelfeldt)
Der nach der Großen Depression von 1929/33 zuerst in den USA durchge­setzte Versuch, Wirtschaft und Gesellschaft systemrational durch einen tech­nokratischen Staat zu lenken, brach in den Ländern der OECD in den Krisen von 1971/81 zusammen. Der analoge Staatsinterventionismus der Entwick­lungsländer wurde durch deren Schuldenkrise nach 1975/82 beendet. 1990 brach endlich die staatliche Planwirtschaft der RGW-Staaten zusammen. An die Stelle dieser Formen des Staatsinterventionismus trat der Neoliberalis­mus, der sich nach 1990 sich zur ‚Globalisierung’ verallgemeinerte.

Gegen den staatsinterventionistischen System-Rationalismus hat der Neoli­beralismus, theoretisch und praktisch, das Dogma gesellschaftlicher Irratio­nalität gesetzt. Die Konsequenz dieses Dogmas ist, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse unerkennbar sind: sie seien weder in Rücksicht auf ihre histori­sche Genese noch in Rücksicht auf eine Vernunft-Utopie zu überschreiten. Ist die Gesellschaft als Ganze weder erkennbar noch steuerbar, so ist das ‚Ende der Geschichte’ gekommen und das ‚Ende der Utopie’. Es bleibt al­lein: ein „freiwilliger Konformismus“ der Bürger der neoliberalen Volks-Gemeinschaft, die sich gegen alles Fremde nach dem Gegensatz von „Freund und Feind“ (C.Schmitt) verhält.

Wenn, nach Hegel, allein das Wirklichkeit heißen kann, was vernünftig ist, wenn der Begriff der Wirklichkeit der Verwirklichung der Vernunft – einer Gesellschaft, in der sich die Menschen ihrer selbst und ihrer Verhältnisse bewußt sind – vorbehalten ist, dann ist der Neoliberalismus die Ordnung der Unwirklichkeit. Gegen den Neoliberalismus scheint nur ein Widerspruch möglich: der neoliberale – die „konformistische Revolte“.

Einerseits tritt der Neoliberalismus als Erbe vor allem der deutschen Gegen­aufklärung des 19. Jahrhunderts auf. Andererseits ist er auch der Erbe der liberalen Utopie einer Herrschaft der bewußtlosen Vernunft: der Neolibera­lismus vollendet die liberale „List der Vernunft“ zu einer „List ohne Ver­nunft“. Nicht der Neoliberalismus hat die Vernunft-Utopien liquidiert, son­dern die Vernunft-Utopien vollenden sich durch ihre Widersprüche in ihrer Selbstnegation: im Neoliberalismus. Im neuen ‚Gehäuse der Hörigkeit’ scheint gegen gesellschaftliche, ökonomische Gewalt kein vernunftgegrün­deter Widerspruch und Widerstand möglich.

Aber der Neoliberalismus enthält die Sozialutopien von Platon bis Kant und Marx noch in der Form ihrer Negation. So besteht die utopisch gerichtete Theorie und Praxis heute darin, die Geschichte der Selbstnegation der Uto­pien zu erinnern – um der „Einlösung der vergangnen Hoffnung“ willen.

Gerhard Stapelfeldt (* 26. Oktober 1947 in Hamburg) ist ein deutscher Soziologe. Er war Professor am Institut für Soziologie der Universität Hamburg.

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