09.10.2018 09:00 Uhr Morgenlatte – Theoriegewichse vom Feinsten

Die Objektivierung der Natur und die spiegelbildliche Subjektivierung der
Gesellschaft war das Produkt der bürgerlichen Aufklärung. Die Objektivie­rung der Gesellschaft, die die Möglichkeit einer technischen Beherrschung von Wirtschaft und Gesellschaft bot, war die paradoxe Konsequenz jener Aufklärung. Der Vortrag wird diesen gesellschafts- und philosophiegeschichtlichen Fortschritt als Entwicklung von der bürgerlich-kosmopoliti­schen Freiheit zum sozialtechnischen Autoritarismus skizzieren.
Die bürgerliche Aufklärung zerstörte theoretisch, die bürgerlichen Revolutio­nen in Nordamerika (1776) und Frankreich (1789) praktisch eine Weltauffassung und politisch-ökonomische Praxis, in der die Einheit der Welt in Gott zu liegen schien: in der die Natur als subjektiv-göttlich, in der der
absolute Herrscher als Personifikation göttlicher Rationalität galt. Die li­berale Theorie und Praxis war dagegen atheistisch: die Zerstörung der göttli­chen Welteinheit spaltete die Welt in Objekt und Subjekt, Natur und Ge­sellschaft, Sinnliches und Abstraktion. Auf dieser Grundlage erschien die Natur als ein Objekt, das technisch zu beherrschen, ökonomisch zu verwerten ist: in der Industriellen Revolution.
In der Großen Depression von 1873/79, die den
Imperialismus einleitete, er­schien die Konsequenz der Aufklärung: die der Natur entgegengesetzte, ihr bewußtlos vorausgesetzte Gesellschaft erschien nun selbst als naturgesetz­licher Kosmos, der technisch – technokratisch – beherrschbar ist. Die Pla­nung von Wirtschaft und Gesellschaft wurde nun eingeleitet; der Sozialismus phantasierte die neue Gesellschaft als Planwirtschaft. Von hier reicht ein Weg zur Theorie und Praxis der Modernisierung, der keynesianischen Wirt­schaftsteuerung in den USA nach 1933 und zum Weltwirtschafts- und Welt­währungssystem von Bretton-Woods (1944-1973).

Gerhard Stapelfeldt lehrte bis 2009 als Professor am Institut für Soziologie der Universität Hamburg.

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