21.05.2020 18:00 Uhr Inforedaktion: AG Weiße Fabrik

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Coronazeit im Klinikum Stuttgart
Glücklicherweise kam bislang alles nicht so schlimm wie befürchtet.
Dennoch hat sich vieles verändert. Neben dem unangenehmen, aber notwedigen Tragen des Mund-Nasen Schutzes, dem sinnvollen Tragen von Dienstkleidung auch in der Psychiatrie und allerlei Hygienemaßnahmen, gab es darüber hinaus die, über einen langen Zeitraum täglich, von den Krankenhaus- Anstaltsleitungen verschickten Informationen zum aktuellen Stand. Damit erreichte die Krankenhausleitung eine beinahe vollständige Informationshoheit im Betrieb. Einerseits wurden darüber alle MitarbeiterInnen mit PC-Zugang schnell und klar über bestimmte Entwicklungen informiert, andererseits wurden darüber Tatsachen geschaffen, viele für Beschäftigte wichtige Fragen kamen gar nicht vor und schließlich wurden über persönliche Anekdoten viele bei Laune gehalten – andere fanden das blöd. Aber es offenbarte sich dabei, dass es für Beschäftigte mitunter aüßerst peinlich sein kann, dass diese Herren an der Spitze des Krankenhauses stehen.
Der Personalrat hätte sich öfter und früher zu Wort melden müssen, es gelang aber, neben der Forderung nach einer Zulage für Alle, ein „Zur Sache Extra Rechte 4“ zu verteilen mit dem Titel: „Rechte im Betrieb: Trotz Corona“. Denn für die Beschäftigten haben sich viele Dinge, die Situation war ja günstig, zum Negativen gewendet: das beginnt mit alltäglichen Dingen, wie dem Druck bei Bedarf mehr zu arbeiten oder Überstunden abzubauen, während der Krankheit angerufen zu werden, Planungen ins Minus zu versuchen – geht weiter über Vorgaben wie man sich während der Pause zu verhalten habe und gipfelt in der „Notfalldatenbank Personal“.
Darüber hinaus gab und gibt es viele weitere unverständliche Dinge, von denen hier nur zwei genannt werden sollen. 1. Während die Tagesklinik für Ältere ihren Betrieb aufrecht erhielt, wurde die Tagesklinik Sucht geschlossen. Die kann jetzt so bald gar nicht mehr öffnen, da, wie es heißt, ÄrztInnen fehlten. 2. Für die Psychiatrie wurde angewiesen, dass FFP 2 Masken fünf Tage lang (!) in einer Einmalnierenschale personifiziert aufzubewahren und zu gebrauchen sind. Natürlich nur, wenn sie nicht kontaminiert worden seien, was man den für den Einmalgebrauch (max 8 Stunden) vorgesehenen Masken natürlich ansieht.
Die Notfalldatenbank Personal
- wurde ohne Beteiligung des Personalrats eingeführt.
In verschiedenen Emails der Anstaltsleitung wurden alle Beschäftigten aufgefordert ihre Daten unverzüglich in die Datenbank einzugeben. Und: „Alle Vorgesetzte müssen dafür Sorge tragen, dass für die Mitarbeiter*innen ihres Verantwortungsbereiches die abgefragten Daten eingetragen werden.“ Während die MitarbeiterInnen nur ihre eigenen Daten sehen, sehen Vorgesetzte alle Daten der MitarbeiterInnen ihres Verantwortungsbereiches. Dabei wurden auch chronische Grunderkrankungen und Medikamente, die eingenommen werden, abgefragt. Dass diese Fragen unzulässig sind dürfte allgemein bekannt sein und dies hat der Personalrat im „Zur Sache“ auch klar gestellt. Zwar sind bei diesen Fragen die „Angabe freiwillig“, sie erfüllen aber auch damit ihren Zweck. Denn viele geben bei der Frage nach z.B. chronischen Grunderkrankungen gedankenlos „keine“ an. Wer die Angabe verweigert zeigt schon relativ klar, dass er/sie entweder eine Grunderkrankung hat oder eben zu denen gehört, die nicht alles mit sich machen lassen. Der Zweck dieser Frage wird also trotzdem erfüllt. Die Anstalt-Krankenhaus-Leitung behauptet: „Wir werden die Daten ausschließlich nutzen, um außergewöhnlichem Personalbedarf während der Corona Pandemie begegnen zu können und alle Kräfte zu bündeln.“
Das kann man glauben – oder nicht. Tatsache ist, dass einmal erhobene Daten nie wieder verschwinden. Für alle Zukunft weiß nun, sowohl der/die jeweilige Vorgesetzte (z.B. die Stationsleitung von den KollegInnen ihrer Station) als auch die Krankenhausleitung (von allen Beschäftigten) wer, welche chronischen Erkrankungen hat und wer welche Medikamente nimmt bzw. wer, weil er/sie keine Angabe dazu machte, vermutlich eine Erkrankung hat oder renitent ist.
Peinlich
Mindestens drei der Coronamails der Krankenhausleitung können nicht unkommentiert bleiben.
Der medizinische Vorstand der Anstalt suchte sich als Überschrift über ein kostenloses Bratwurstessen im Krankenhaus Bad Cannstatt als Überschrift „Jedem das Seine“ (Update Covid 19 vom 15.April). 75 Jahre nach der Befreiung des KZ Buchenwald, für dessen Inschrift die Faschisten „Jedem Das Seine“ wählten ist dies mehr als geschmacklos. Der Ausdruck „suum cuique“ (Jedem das Seine) ist natürlich älter, drückt aber die ganze Menschenverachtung der Faschisten aus, weswegen sie diese Inschrift wählten.
Noch peinlicher
– oder mehr, sind die Darlegungen des Pflegedirektors zum 1. Mai (Teil 18 vom 29. April).
Ja, der 1. Mai, der internationale Tag der Arbeit, fand „1886 mit einem Generalstreik zur Durchsetzung des 8h-Arbeitstages zum ersten Mal historisch Bedeutung (...)“.
Nein, „Seit 1934 ist dieser Tag auch in Deutschland ein offizieller Feiertag.“
Wahr ist dagegen, dass die Faschisten in Deutschland den 1. Mai 1933 zum Feiertag machten, als „Tag der nationalen Arbeit“ um am 2. Mai 1933 die Gewerkschaftshäuser zu stürmen und die Gewerkschaften gleichzuschalten. 1934 erklärten die Faschisten diesen Tag dann zum „Nationalen Feiertag des deutschen Volkes“. Das könnte/sollte/müsste man schon wissen, wenn man darüber schreibt.
Am 8. Mai (Teil 20) mussten wir lesen: „Wissen Sie eigentlich, dass neben bekannten Feiertagen und Gedenktagen jeder Tag im Jahr an etwas besonderes erinnert oder Besonderheiten gewürdigt werden? Nein? Dann hier mal die wichtigsten Infos zum 8. Mai:
-Tag der Befreiung (Kriegsende 1945) (Verschiedene europäische Länder)
-Tag des „Verschenke-einen-Cupcake (USA) (...)“
Das macht schon sprachlos. Derselbe Pflegedirektor zitierte in Teil 15 vom 22. April : „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben aber muss man es vorwärts.“ Mit dem Verstehen hapert es wohl ein bißchen.
Es ist überfällig, dass sich sowohl der Personalrat als auch Verdi bemühen, der Informationshoheit der Krankenhausleitung ernsthaft etwas entgegenzusetzen damit alle gut informiert werden.

Zum Tag der Pflegenden
(Kommentar von D. Behruzi in der Tageszeitung „Junge Welt“ vom 13.05.20)
Es ist wie am Muttertag: Einmal im Jahr werden Pflegekräfte am »Tag der Pflegenden« mit Lobpreisungen überhäuft. An den restlichen 364,24 Tagen des Jahres sollen sie ihre Arbeit tun, ohne zu klagen und zu fordern. Besonders viel Lob gab es zum diesjährigen 12. Mai, da die Pflegeberufe allseits als »systemrelevant« erkannt wurden. Das gilt freilich nicht nur für sie, sondern für sämtliche Beschäftigte in den Gesundheitseinrichtungen. Allerdings spüren die ebenso »systemrelevanten« Reinigungskräfte im Krankenhaus und die Hauswirtschafterin im Pflegeheim bislang wenig von der Wertschätzung.
Doch auch Pflegekräfte haben allen Grund, ihre Forderungen lautstark auf die Straße zu tragen, wie sie es am Dienstag in etlichen Städten getan haben. Denn die Bedingungen, unter denen sie ihre lebenswichtige Arbeit machen müssen, sind nicht erst seit der Verbreitung des Coronavirus miserabel. Jahrelang haben die politisch Verantwortlichen die eklatante Personalnot ignoriert und die Ökonomisierung des Gesundheitswesens vorangetrieben. Und auch in Zeiten der Pandemie hat die Bundesregierung sofort klar gemacht, dass die Bedürfnisse der Gesundheitsbeschäftigten zurückstehen sollen: Als erste Maßnahmen setzte sie die ohnehin unzureichenden Untergrenzen beim Pflegepersonal in einigen Krankenhausbereichen aus und ermöglichte Dienstverpflichtungen, 12-Stunden-Schichten sowie verkürzte Ruhezeiten. Bis heute mangelt es vielerorts an qualitativ hochwertigem Schutzmaterial. Trotz des Geredes scheint die Gesundheit der Beschäftigten nicht viel zu zählen. 54 von ihnen sind laut Robert Koch-Institut bereits an Covid-19 verstorben. Durchschnittsalter: 41 Jahre, drei von vier waren Frauen.
»Klatschen allein hilft nicht«, heißt es denn auch bei den Protesten. Die Beschäftigten wollen, dass Politiker und Klinikchefs endlich handeln. Das heißt unter anderem: rasche Einführung bedarfsgerechter und verbindlicher Personalvorgaben in Krankenhäusern und Pflegeheimen, flächendeckende Tarifbindung in der Altenpflege, ein Ende von Lohndumping durch Ausgliederungen und Privatisierung. Und nicht zuletzt: Die Beseitigung des Finanzierungssystems der Fallpauschalen, das die Krankenhäuser in eine gnadenlose Preiskonkurrenz getrieben hat.
Die Regierung steht in diesen Fragen mittlerweile gehörig unter Druck. Um diesen zu mindern, setzt ihr Pflegebevollmächtigter Andreas Westerfellhaus auf Ablenkung. »Die Corona-Pandemie zeigt, wie dringend wir Pflegekammern benötigen«, behauptete er in einem am Montag veröffentlichten Positionspapier. Eine klassische Nebelkerze. Denn Pflegekammern können weder für bessere Arbeitsbedingungen noch für eine angemessene Bezahlung sorgen. Das Gesundheitssystem braucht grundlegende Veränderungen – keine Versorgungswerke für ein paar Pflegefunktionäre, die die Beschäftigten auch noch selbst finanzieren müssen.

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