26.08.2020 21:00 Uhr Erlesenes - eine monatliche Auslese

"Das Böse ist immer und überall" - Verschwörungsmythen, Esoterik und die Pandemie

„Aufwachen“ heißt es auf so manchem Schild, das auf den „Hygiene“-Demos in vielen Städten Deutschlands in den letzten Wochen energisch hochgehalten wurde. „Wacht auf“ wurde manchem neutralen Passanten ins Ohr geschrien. „Verlasst euch nicht auf die Lügenpresse, sonst seid ihr verloren!“
Ja, es geht ums Aufwachen, aber in einem ganz anderen Sinne, als von den „besorgten“ Demonstranten gemeint. Wir, die meist schweigende, zum Teil politisch naive Mehrheit, die ist es, die aufwachen muss. Und ganz schnell, bitte. Denn was sich da tut in der digitalen Halb- und Unterwelt, diese Verschwörungsmythen generierende Internet-Subkultur ist längst zu einer anderen, alles bedrohenden Gehirnseuche geworden und als solche manifestiert sie sich verstärkt in einer gesundheitlichen Krisenzeit, wie wir sie derzeit weltweit zu bewältigen haben.
„Der Online-Raum hat die politische Massenmobilisierung revolutioniert. Noch nie ist es für eine kleine Kerntruppe von Radikalen so einfach gewesen, großformatige Veranstaltungen und Protestaktionen zu organisieren, zu finanzieren und zu bewerben. (…) Aggressive Feldzüge zur Erhöhung der eigenen Reichweite zapfen ganz unterschiedliche Netz-Subkulturen an. (…) Die logistische Planung und die Koordination von Aktionen finden in den geschützten Ecken verschlüsselter Chatrooms statt, aber Livestreams, Erfahrungsberichte und zielgruppenspezifische Anzeigen erreichen auch die gesellschaftliche Mitte.“

So schreibt Julia Ebner in ihrem im September 2019 erschienen Buch "Radikalisierungsmaschinen: Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren“ als Einleitung zu Kapitel 5 mit dem Titel „Mobilisierung“ Im Kapitel 4 spricht sie von der Vernetzung und geht dort insbesondere auf Online-Communitys ein, deren Alleinstellungsmerkmal die Kontaktvermittlung zwischen Gleichgesinnten ist.

Als Extremismusforscherin stellen sich ihr folgende Fragen: Wie rekrutieren, wie mobilisieren Extremisten ihre Anhänger? Was ist ihre Vision der Zukunft? Mit welchen Mitteln wollen sie diese Vision erreichen? Um Antworten zu finden, schleust sich Julia Ebner ein in zwölf radikale Gruppierungen quer durch das ideologische Spektrum. Sozusagen von der anderen Seite beobachtet sie Planungen terroristischer Anschläge, Desinformationskampagnen, Einschüchterungsaktionen, Wahlmanipulationen. Sie erkennt, Radikalisierung folgt einem klaren Skript: Rekrutierung, Sozialisierung, Kommunikation, Mobilisierung, Angriff. Julia Ebner ist Online-Extremismus-Beraterin der UN, NATO und der Weltbank.

Weitere Informationen:

Michael Butter: "Nichts ist, wie es scheint". Über Verschwrörungstheorien

Julia Ebner: Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren

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Redaktion

Erlesenes - eine monatliche Auslese ist eine Sendung der Redaktion Humanismus & Aufklärung

Sendungen der Giordano Bruno Stiftung und von Volker Kirsch.

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